„Maybe someday a species just winds down!“
„Bugonia“
(Yorgos Lanthimos / 2025 / Kino (DCP) / OmdU / Erstsichtung)
"Brahma made it happen long ago - Apeman came
Vishnu had created all we know - He explored
Chakravartin’s turning the world’s wheel - He found out
Shiva now is coming for the kill - He destroyed
Shiva’s Return / Shiva’s Return
Time goes by / It’s a daily war
One more crime / Against life itself
Mother Earth / Nature don’t need man
Shiva’s here / We can’t survive without her"
(Mekong Delta, „Shiva’s Return“ )
Es ist nun schon wieder ein paar gefühlte Ewigkeiten her, dass ich Jang Joon-hwans Sci-Fi-Torture Porn-Kidnapping-Sozial-Dramedy „Save The Green Planet“ zum letzten Mal gesehen habe, und ich deshalb die allermeisten Details nicht mehr in Erinnerung hatte, und erstmal in der englischsprachigen wikipedia nachlesen musste. Aber Yorgos Lanthimos’ Neuinterpretation des Stoffes hält sich tatsächlich erstaunlich eng an die 2003er-Vorlage. So sehr, dass eigentlich alle hier Mitlesenden, denen ebendieses Original bereits bekannt sein sollte, etwaige Spoiler nicht wirklich zu fürchten brauchen. Zur Story selbst will ich dann auch gar nicht soviele Worte verlieren - die sollte allen die letzten 22 Jahre nicht völlig verpennt habenden Genre-Fans ja ohnehin sattsam bekannt sein. Und wird hier auch nur leicht variiert, und durch wenige neue Facetten passend ergänzt. Zudem die paar geringfügigen Änderungen, welche Lanthimos und Drehbuch-Autor Will Tracy vorgenommen haben, dazu beitragen, die Geschichte in puncto zeitgenössischer Aktualität adäquat den derzeitigen Verhältnissen anzupassen, und einige im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte stattgefundene sozialpolitische, arbeits-ethische und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, Veränderungen, Verschiebungen und Umbrüche in das Narrativ einzuarbeiten und selbiges somit als satirical social commentary meaningful zu halten. Was bereits bei den zwei Hauptfiguren und ihrem diametral entgegen gesetzten Antagonismus beginnt. Während Emma Stone (in einer weiteren nahezu makellosen Ausnahme-performance) mit sichtlicher Lust an der hintergründigen Boshaftigkeit hier die nach aussen hin so tolerant-freigeistige, im Grunde aber snobistisch-soziopathische, kaltherzig-misanthrope Karriere-Bitch und Pharma-Company-CEO Michelle Fuller gibt (und später im Film, mit kurz geschorenem Haupthaar und weißlich eingeschmiertem Antlitz anmutet, als ob Klaus-Maria Brandauers Filmfigur Hendrik Höfgen aus István Szabós Gustav Gründgens-Charakterstudie „Mephisto“ sich anschicken würde, den Grafen Orlok aus „Nosferatu“ spielen zu wollen… zudem erinnert sie mich da und dann schon wieder mal verblüffend an Björk - aber das ist wohl eher (m)ein persönliches Problem), glänzt aber vor Allem auch Jesse Plemons in der männlichen Hauptrolle als paranoid-gequälter, manisch-durchgeknallter, gewaltbereit-getriebener Verschwörungs-Prepper Teddy, der hier mit fettig-ungewaschen-strubbeligen Haaren, schweissglänzender Gesichtspartie und grenzdebil-wahnhaften Manierismen und korrespondierender wutbebender (Non-)Kommunikation, die sich in ausbruchsartigen Sprechakten von gleichzeitiger Anklage als auch (Vor-)Verurteilung zu erschöpfen scheint, ihren counterpart personifiziert. Im mittleren Teil des Films, wenn sich die Beiden zunehmend mehr und mehr in scharfzüngig-pointierte Rede-Duelle verwickeln, und einem word battle von widerstreitend-gegensätzlichen world views und ideas on and about the meaning of (human) life and a meaningful existence hingeben, gewinnt „Bugonia“ nochmal so richtig an drive, und nimmt nicht nur in Sachen Dialoge ordentlich Fahrt auf (wiewohl das einige Anwesende auch ganz anders sahen, und nach dem Filmende meinten, dass da eher ein Durchhänger gewesen wäre). Wobei ebendieser ätzend-spöttische Kommentar auf den vorherrschenden Zeitgeist und die soziokulturellen Verwerfungen der jüngeren Zeit schon von Beginn an in die dramaturgische DNA des Streifens eingearbeitet sind. Wenn etwa Firmenchefin Michelle bei der Aufzeichnung eines Video-Interviews zu Promo-Zwecken davon schwafelt, wie ach so toll doch Diversität und Inklusion seien, und dass das Alles doch in die Grundprinzipien und strukturellen Leitsätze ihres Unternehmens Eingang gefunden hätte, nur um dann kurz darauf entnervt abzubrechen, und zu sagen, dass es ihr aber der Diversität allein schon als Wort nun aber doch schon viel zu viel wäre, oder sodann auch den untergebenen Angestellten ins Gedächtnis ruft, dass sie laut neuester company policy ja auch ab 17:30 Uhr Feierabend machen, und gehen könnten, wann immer es ihnen passend scheine, jedenfalls, solange sie sonst aber auch wirklich und ganz bestimmt nichts weiter mehr zu tun hätten, dann trieft das vor lauter Sarkasmus auf eine heuchlerisch pseudo-inkludierende, möchtegern-transparente work ethic, die den Druck aufs Personal nicht nur beibehält, sondern dadurch bedingt sogar noch erhöht, geradezu. Plemons’ Teddy wiederum verhöht den allerorten betriebenen und in den U.S.A. derzeit (zumindest noch) schwer en vogue seienden Aktivismus-Gedanken als zu 90 % nur dem Karrierismus dienenden und zwecks eigener Selbstdarstellung und narzistissch-egomanen Selbstbespiegelung praktizierten lifestyle-Opportunismus. Die Gewalt- und Folterszenen hatte ich in der koreanischen Vorlage als dann doch bedeutend schonungsloser, explizit-exzessiver in Erinnerung. Bin aber auch ganz froh, dass Lanthimos diese hier etwas weniger zeigefreudig in Szene setzt, und bebildert. Was aber auch so schon ausreichend, und stellenweise schwer anzusehen ist. Wenn Teddy die gefesselt-wehrlose Michelle vermittels sich in ihrer Intensität stetig steigernder Elektroschocks quält, bis das hausinterne Stromnetz qua Überlastung beinahe zusammenzubrechen droht, und nicht nur in elektrischer Hinsicht sogleich alle Sicherungen rauszufliegen scheinen (was passender Weise musikalisch mit Green Day’s Mittneunziger Pop-Punk-Hit „Basket Case“ unterlegt wird), dann ist das zur Versinnbildlichung seiner psychischen Derangiertheit, welche doch genau die Methoden von rücksichtslos ausgeübter Macht und brutaler Gewalt anwendet, die er in seinen Reden immer so vehement anprangert, vollkommen genügend. Die Nebenrollen können da nicht ganz mithalten. Zumal Aidan Delbis als geistig zurückgebliebener, minderbemittelter Kidnapper-side kick Don wohl auch eine der wirklich auffälligen Schwächen in Sachen Veränderungen am Original darstellt. Und nicht viel mehr zu tun hat, als ab und an als gutmütig-schwachsinniger Stichwortgeber für Plemons’ Teddy zu dienen. Da hatte mir im 2003er-Koreaner die Figur von Byeong-gus empathisch-liebevoller girlfriend Su-ni doch bedeutend besser gefallen, und war vor Allem auch viel stärker konturiert, und wies erheblich mehr Eigenleben auf als dieser doch eher schwach geschriebene delusional retarded fool. Auch Stavros Halkias als päderastischer adipös-dusseliger County Sheriff und Alicia Silverstone in der Rolle von Teddys schwerkranker und ans Bett gefesselter pflegebedürftiger Mutter wirken ein wenig verschenkt. Macht aber weiter auch nichts, weil sich ohnehin der Großteil der Handlung und Laufzeit auf Plemons und Stone konzentrieren. Last but not least tragen auch die fabulöse Kamera (DoP: Lanthimos’ long time partner in crime Robbie Ryan), welche in Verbindung mit der sensationell herausragenden Lichtsetzung und vornehmlich in den character close ups ganz wundervoll gelungene Licht-Schatten-Spiele zu zaubern weiss, sowie der famose Schnitt von Yorgos Mavropsaridis ihren Anteil dazu bei, aus „Bugonia“ ein opulentes cineastisches all around-Vergnügen zu machen.
Der Terminus „Bugonia“ bezeichnete im antiken Griechenland die Vorstellung, dass aus dem Kadaver eines Tieres Bienenschwärme entstünden, und hervorkommen würden. Was in diesem Film auf einen weiteren essentiellen Bestandteil des Narrativs hinweist - die von Menschen gemachte allmähliche und immer schneller voranschreitende Zerstörung der Biosphäre, und damit auch der Artenvielfalt. „This isn’t „Death Of A Salesman“!“, sagt Teddy einmal ganz zu Beginn von Michelles ordeal. Wohl aber ist dies eine Geschichte vom Niedergang und Tod einer Spezies. Doch sind es hier nicht die Bienen, welche im Finale von „Bugonia“ ihr endgültiges Ende erleben. Dann, wenn die Imperatorin der Andromeda-Ausserirdischen an Bord ihres Mutterschiffs zurück gekehrt ist, und in einen bizarr-bescheuert aussehenden wollenen beigen Ganzkörper-Eierwärmer-Anzug gehüllt, das letztgültige Verdikt über das Menschengeschlecht spricht. Wenn der zu einer Scheibenwelt gewordenen Erde (wenigstens in dem einen Punkt hatten also die evangelikalen Rechtsaussen-Kreationist:Innen laut Lanthimos recht - nur nützt ihnen das dann aber auch nichts mehr) die destruktivste Art von Allen genommen wird. Wenn zu den Klängen von nicht mehr „Somewhere Over The Rainbow“, wie im Original von 2003, sondern nunmehr Marlene Dietrichs traurig-resignativer Intonation von „Where Have All The Flowers Gone?“ die leblos niedergestreckten Körper der Menschen, die allesamt urplötzlich von einem Moment auf den anderen dahingerafft wurden, wie Puppen daliegen, bei ihrer jeweiligen Tätigkeit vom Tod überrascht, und eingeholt. Wenn Schiffe einfach so weiterfahren, Fließbänder Päckchen weiter transportieren, die niemals mehr ein:e Adressatin entgegen nehmen, oder auspacken wird, wenn Blut aus OP-Schläuchen sprudelt, welches kein einziges menschliches Organ mehr mit Sauerstoff versorgen wird. Wenn die Welt endlich von der suizidal anmutenden endlos exzessiven Zerstörungswut der menschlichen Spezies erlöst worden ist.
Und die Bienen wieder in Ruhe von Blüte zu Blüte fliegen, und ungestört bestäuben können.
Und auf der Tonspur während des Abspanns nur mehr die Geräusche von Vogelgezwitscher, Fluginsekten-Gebrumme und dem leisen Rauschen des Windes zu vernehmen sind.
„When will they ever learn?“
Wir Alle kennen die schmerzliche Antwort auf diese Frage nur allzu gut.
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet derjenige Film von Yorgos Lanthimos, welcher vom Ende der Menschheit erzählt, zugleich auch sein wohl zutiefst humanster Film ist.
"Another turning point, the fork stuck in the road
Time grabs you by the wrist, directs you where to go
So make the best of this test, and don’t ask why
It’s not a question, but a lesson learned in time
It’s something unpredictable
But in the end, it’s right
I hope you had the time of your life"
(Wolf Alice, „Good Riddance (Time Of Your Life)“ (Green Day-Cover))


