Fazit FFF 2019

Die diesjährigen Festivitäten sind nun auch in Hamburg endgültig passé, Zeit also für ein ausführliches Resümee…

Mit “Door Lock” ging gestern nachmittag das FFF 2019 für mich zuende, ein sang- und klangloser Abschluss dieses Jahrgangs, der tatsächlich auch stellvertretend für das gesamte 2019er-Programm stehen könnte - schmucklos, in weiten Teilen (zu) gewöhnlich, ohne nennenswerte filmische Innovationen oder Geniestreiche, kein Glamour, eher business as usual. Mehr Konfetti als Goldflitter, eher Mettwurst-Klappstulle und Käsebrötchen als Kaviar und Lachshäppchen, statt Moët & Chandon meist nur schnöder Faber-Sekt (na gut, der letzte Vergleich ist ein bisschen unfair - wer Faber-Sekt trinkt, kann sich eigentlich auch gleich mit Batteriesäure das Goldkehlchen verätzen… but I think you know what I mean.) Das im Vorfeld schon von mir als eher durchschnittlich befürchtete Programm entpuppte sich tatsächlich als ebensolches. Einige wenige Ausreißer nach oben, ein paar krasse low lights, aber in der Masse der gesichteten Filme war schnödes Mittelmaß angesagt. Unsterbliche Klassiker gab’s dieses Jahr gar keine, nüscht à la “It Follows”, “Under The Skin”, “Universal Soldier: Day Of Reckoning” oder “The Eyes Of My Mother”. Nun ist es ja aber auch klar, dass es Filme solchen Kalibers nicht jedes Jahr geben kann, aber in den letzten beiden Jahren konnte ich auch den eher durchschnittlichen und schlechten Streifen meist noch ein paar interessante Facetten abgewinnen - während mir in diesem Jahr auch die sehr guten und guten Filme größtenteils kaum noch neue Aspekte oder weiterdenkenswerte Ideen vermitteln konnten. Fand’ auch die thematische und filmische Vielfalt in den letzten paar Jahren einfach breitgefächerter. Es fehlte etwas Aufrüttelnd-Durchschüttelndes wie “Fashionista”, etwas Erhaben-Majestätisches wie “Jungle”, etwas Poetisch-Schlichtes wie “Marlina The Murderer In Four Acts”, oder auch etwas Eigenwillig-Durchgeknalltes wie “Replace”. Naja. Im nächsten Jahr kann es dann in Sachen Filmauswahl eigentlich ja nur besser werden - hoffe ich jedenfalls mal.

Sehr schade auch, dass es “Midsommar” , trotz aller Bemühungen vonseiten der Rosebuddies, leider nicht auf’s Festival geschafft hat - denn obwohl ich persönlich den Film gar nicht mal so mag, ist es doch ein grandios gefilmter, meisterhaft erzählter Horrorstreifen, der einfach perfekt ins FFF-Programm gepasst hätte, und bestimmt auch für ausverkaufte Vorstellungen gesorgt hätte. Und wo ich eh’ grad’ schon dabei bin: Auch wenn ich für meinen Teil Filmen wie “Freaks”, “Hotel Mumbai” und “I See You”, wenig bis garnichts abgewinnen kann, so bin ich dennoch überaus froh, dass sie auf dem FFF gezeigt wurden - denn sie waren durch die Bank weg allesamt sehr gut besucht bis ausverkauft. Was sich von vielen der “kleineren” Streifen leider nicht behaupten lässt - ohne die großen Namen, die ordentlich Publikum ziehen, würden wir wohl auch nicht mehr in den Genuß von Nischentiteln oder kleinen feinen Indie-low budget-Perlen kommen.

Persönlich am Meisten gefreut habe ich mich, die Freiburg- / Kaiserstuhl-posse nach sechs Jahren endlich mal wieder zu treffen. Die Beiden waren von Mitte / Ende letzten Jahrzehnts bis anno 2013 alljährlich Dauerkarten-Stammgäste in HH, wo wir einander auf dem Weg vom einen in den anderen CineMaxx-Saal kennengelernt und festgestellt haben, dass wir ähnliche filmische Vorlieben / Kino-Vernarrtheiten haben. Dann hatte es sie in den letzten paar Jahren aber in andere Festivalstädte, hauptsächlich nach Berlin verschlagen, bevor sie jetzt wieder mal in Hamburch aufschlugen. Ein schönes Wiedersehen nach langer Zeit. Gute Heimfahrt, und hoffentlich nicht erst wieder bis in sechs Jahren!

Etwas nervig war, dass ich, obwohl über die gesamte Festivalzeit Urlaub und so, trotzdem immer irgendwie im Dauerstress war (real life und anderer überbewerteter Kram), und das mit dem Rein- und Rausfahren nach / aus HH mit den Jahren auch immer kräftezehrender wird. Bislang habe ich ja auch immer noch nicht meinen Senf zu allen 2019 gesehenen Filmen abgegeben, bin aber recht zuversichtlich, das im Laufe dieser Woche noch nachholen zu können.

Schwer vermisst wird auch der Asia-Schnellimbiss direkt neben dem Savoy-Kino, welcher Ende September letzten Jahres ja bereits dichtmachen musste. Die Garküche hat ja den großen Vorteil, dass sich die Mahlzeiten extrem schnell zubereiten lassen, was bei den in letzter Zeit ja oft sehr kurzen Pausen zwischen zwei Filmen dafür sorgte, dass ich auch innnerhalb von 15 Minuten meine Bestellung aufgeben, das Essen erhalten und noch fix verzehren konnte, bevor es wieder ins Dunkel des Kinosaals ging. Absolut unschlagbar, was die Versorgung mit warmen Mahlzeiten anging, und preisgünstig obendrein auch noch. Jetzt befindet sich in den Räumlichkeiten ein Fischrestaurant - für mich als seit bald 18 Jahren vegetarisch mich ernährende Person leider keine wirkliche Alternative.

Was die Einordnung der diesjährig von mir gesichteten Filme angeht:

The Fab Four

“Mommy loves you.” (Isabella Rosselini, “Blue Velvet”)

Eigentlich hätte da oben ja “Fave Five” stehen sollen, da die ersten vier dieser fünf Favoriten aber bereits in der Nacht von Donnerstag auf Freitag feststanden, und es von den letzten zwei Filmen (“Charlie Says” und “Door Lock”) dann keiner mehr zu meinen Lieblingen geschafft hat, sind’s dieses Jahr dann halt nur die Top 4, und nicht wie sonst die Top 5, geworden…

  • John Lennon: Der ungestüme Wilde, der gerne mal die Klappe zu weit aufreißt - "Bliss"

  • Paul McCartney: Der Konservativ-Bodenständige, der ein bißchen langweilig wirkt - "Reborn"

  • George Harrison: Der esoterisch angehauchte Mystisch-Sinnsuchende - "Dachra"

  • Ringo Starr: Der schweigsame Stille, der ab und an mal einen Witz erzählt - "Light Of My Life"

Herausragend

“The whole hill… smelt like… victory!” (Robert Duvall, “Apocalypse Now”)

  • "Bliss"

And the Winner is… “Bliss” ! Der vielleicht einzige Film dieses Jahrgangs, der ohne Rücksicht auf Verluste oder irgendjemandes Geschmacksgrenzen aufs Ganze geht, der sich Alles und noch viel mehr traut, der laut, randalierend und unverstanden seinen Weg geht, gegen alle inneren und äusseren Widerstände, der selbst im Scheitern noch gewinnt. Das Zelluloid Bits und Bytes gewordene Äquivalent zu einem halluzinogenen Drogenrausch, etwas, das weniger verstanden, denn erfahren werden will. Ein wilder, wüster Höllenritt, ein Film wie ein rohes, blutiges Stück Fleisch - Kau’ genüsslich drauf rum, oder kotz’ es angewidert aus. A Beast of it’s Own. Chapeau!, für ein lässig hingerotztes, sich in allen erdenklichen Körperflüssigkeiten suhlendes, rauh-rüpeliges und bei all seiner wahnhaften Abgefucktheit immer wahrhaftig bleibendes Meisterwerk.

Sehr gut

“Louis, I think this is the beginning of a beautiful friendship.” (Humphrey Bogart, “Casablanca”)

  • "Light Of My Life"
  • "Romulus and Remus: The First King"
  • "Why don’t you just die!"

Gut

“Good enough for Paul Newman, good enough for you!” (Dolph Sweet, “The Wanderers”)

  • "Dachra"
  • "Vivarium"
  • "All The Gods In The Sky"
  • "First Love"

Mittelmäßig

“You are not special. You are not a beautiful or unique snowflake.” (Brad Pitt, “Fight Club”)

  • "The Lodge"
  • "Mope"
  • "Reborn"
  • "Hotel Mumbai"
  • "Riot Girls"
  • "Little Joe"
  • "Shadow"
  • "Door Lock"
  • "Charlie Says"

Schlecht

“I’m starting to dislike you…a lot!” (Jack Starrett, “First Blood”)

  • "Dreamland"
  • "Diner"
  • "I See You"

"Wir raten ab!"

“Could be worse!” - “It’s worse!” (Carrie Fisher und Harrison Ford, “Star Wars”)

  • "Freaks"

Die kleine Chloe hat nicht nur eines, sondern gleich mehrere Probleme. Es ist ihr unmöglich, ihren unbändigen Heißhunger auf tiefgekühlte Süßspeisen zu stillen, denn ihr Daddy hat ganz gewaltig 'nen Hau weg und will sie partout nicht vor die Haustür lassen. Mammi ist auch keine große Hilfe, denn die ist mal eben kurz in den Wandschrank gezogen und kommt nur raus, wenn’s ihr passt. Außerdem greint sie nur Dumm Tüch und dreht ebenfalls ganz gehörig am Rad. Der olle senile Mitschnacker-Opa vom Eiswagen just outside the door hat auch ordentlich einen an der (Eis)Waffel, nervt nur mit blöden Fragen und weigert sich, sie zum Augenarzt zu fahren, wohin sie doch dringend mal müsste, da ihr in letzter Zeit ständig der rote Lebenssaft aus den Sehorganen entweicht. Kriegt sie es im Angesicht all dieser kirremachenden Herausforderungen hin, cool as Ice Cream zu bleiben, oder geht sie am Ende doch in die Luft? Willkommen zu “Freaks”, der sich wirklich hart abgerackert hat, um den mehr als wohlverdienten Titel “Schrottfilm des diesjährigen Festivals” ergattern zu können. Eine Famile wie frisch aus der Klapsmühle, krank, kaputt und immer ein bisschen zu sehr neben der Spur - die Flodders des Mutantenstadls, sozuschreiben. Ein Streifen, der narrativ immer nur auf der Stelle tritt, eine Fassade von Film, hinter der sich so gut wie nichts verbirgt, das über die eigene Selbstreferenzialität hinausweisen würde. Man wäre am Liebsten selbst eine_R dieser Mutant_Innen with serious eye problems - und sei es nur, um die deppert-drömeligen Drehbuchschreiberlinge mitsamt ihrem vermasselten Script in eine von diesen seven year time bubbles einschliessen zu können und ihnen zu sagen: “Da habt ihr, macht endlich mal was Vernünftiges draus!” Cast und Crew noch dazu, und nach sechs Monaten hätte man dann - mit Glück - so etwas wie einen brauchbaren Film. Obwohl - I seriously doubt it.

Hab’s auf dem Festival verpasst, möchte ich bei Gelegenheit nochmal nachholen

  • "Kingdom"
  • "Tone-Deaf"
  • "Harpoon"
  • "Ready Or Not"
  • "White Snake"
  • "Rabid"
  • "Girl On The Third Floor"
  • "The Gangster, The Cop And The Devil"
  • "47 Meters Down: Uncaged"
  • "A Good Woman Is Hard To Find"
  • "Scary Stories To Tell In The Dark"

Würde ich mir nichtmal anschauen, wenn man mir Geld dafür geben würde

  • "The Furies"
  • "Red Letter Day"
  • "3 From Hell"
  • "It Comes"
  • "Dark Encounter"
  • "Making Monsters"

Hätte ich gerne auf BluRay (oder wenigstens DVD)

  • "Bliss"
  • "Dachra"
  • "All The Gods In The Sky"
  • "Light Of My Life"
  • "Romulus and Remus: The First King"
  • "Why don’t you just die!"
  • "Reborn"

Auf Nimmerwiedersehn!

  • "Freaks"
  • "Dreamland"
  • "Diner"
  • "I See You"