Filmfest Hamburg 2023

Die fabelhafte Welt der Bella B.

… willkommen zu Yorgos Lanthimos’ frivol-opulentem Female Frankenstein Feminist Fuck Fest ! :wink: :stuck_out_tongue:

Das Erste, was an „Poor Things“ auffällt und sofort (beinahe wortwörtlich) ins Auge sticht, sind zum Einen das barockesk-ausladende, verdreht-überbordende Steampunk-Design, und zum Anderen die extrem verzerrten Froschaugen-Weitwinkel-Perspektiven, die immer mal wieder (IMHO unnötiger Weise und meist auch eher uninspiriert) zwischendurch eingesetzt werden… Beides wird der Film bis zum Ende hin beibehalten, Beides wird mir bis zum Ende hin schwer auf die Nerven gehen - beziehungsweise gewöhnt man sich irgendwann auch mehr oder weniger daran, und nimmt es dann einfach so hin.

Auch die etwas zu sehr gewollte spleenige Schrägheit, das absurd Abseitige der ganzen weirden Szenerie, dieses spinnert Verrückte des Settings gingen mir doch sehr gegen den Strich. Da gibt es Hühner mit Schweinsköpfen, Entenhälse, die auf Hundekörper gesetzt wurden, eine Kutsche, die mit Dampf betrieben wird und an deren Vorderfront aber ein Pferdekopf prangt, so wie weiland einst im Märchen das Haupt des armen Falada über dem Torbogen hing. Für meinen Geschmack alles viel zu dick aufgetragen, way too verspielt-überkandidelt. Aber auch hier: Mit zunehmender Laufzeit rückt das Alles glücklicherweise mehr und mehr in den Hintergrund - dann nämlich, wenn die Geschichte um die junge Frau, der das Hirn ihres eigenen Ungeborenen in den hübschen Kopf gepflanzt wurde, ebendiesen ihren eigenen durchsetzt, das Anwesen des von ihr nur „God“ (ich sagte ja schon, überdeutlich) genannten Godwin Baxter hinter sich läßt und aus dem mehr und mehr als beengendes Gefängnis empfundenen Herrenhaus mit einem schmierig-verlogenen Rechtsanwalt Reißaus nimmt… hinaus in die große weite Welt, deren vielgestaltige Wunder und verlockende Verheißungen am eigenen Leibe (<-- wortwörtlich) zu erfahren sie begierig ist.

Emma Stone als Bella Baxter channelt eine anfangs ungelenk staksende, nur in abgehackten Wortfetzen sich artikulierende Frankensteins-Monster-Version von Björk (inclusive einer Kostümierung, die vermutlich genau so auch aus Frau Guðmundsdóttirs Kleiderschrank hätte stammen können - eine verwegen-verpeilte Mischung aus „Barbarella“ meets John Galliano auf 'nem schlechten Trip - diese überdimensionierten Puffärmel !!! Aaaargh !!!). Willem Dafoe als gutmütig-gestrenger mad scientist-Märchenonkel mit Hackfresse, der gerne auch mal gasgefüllte Blubberblasen aus dem Maul entweichen lässt, ist in seiner Nebenrolle hier mehr oder weniger zum bloßen Statisten degradiert worden. Macht aber auch weiter nichts, denn spätestens wenn Bella ihre Swan-Haftigkeit ablegt :wink: und die Sinnesfreuden ihrer Geschlechtsorgane entdeckt, und darob einen immensen Appetit entwickelt, sowohl sexuell-koital als auch in Sachen exquisite Gaumenfreuden, verlagert sich das Geschehen ohnehin vom Uni-Hörsaal und dem hauseigenen OP-Raum („Bella cut too?“ - „Only dead people!“) mehr aufs Tanzparkett und die Boudoirs. Diese Öffnung hin zur großen weiten Welt tut sowohl der zunehmend lebenshungrig-entdeckerfreudigen jungen Frau, als auch dem Film selbst gut. Was dann anfangs noch eher amüsant-belustigend und grotesk-komisch anmutet, und im ersten Drittel der Laufzeit mehr und mehr zitierfähige one-liner produziert („She touched my hairy business!“ - „Now if you’ll excuse me, I have to go and punch that baby!“ - „And what about the tongue-play you wanted to perform on me? Is that not happening?“), das wandelt sich nach und nach zu einer ernsthaften Emanzipations-Erzählung um self-empowerment, weibliche Selbsterfahrung und den Willen, subjektive Verantwortung zu übernehmen und als Effekt nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Und spätestens hier wird dann auch endgültig klar, dass der titelgebende Terminus poor things dabei ist, weg von den Frauen hin zu den Männern zu shiften - wenn er nicht eh schon von Anfang an das hier nur vorgeblich starke Geschlecht benannt hat. Ob nun der eitel-geckenhafte, blasiert-liebeskranke Duncan Wedderburn (Oh! Die Namen in diesem Film!), den zu spielen Mark Ruffalo sichtlich diebisches Vergnügen bereitet (der dabei aber für meinen Geschmack etwas zu sehr übers Ziel hinausschießt), der zynisch-lebensängstliche Harry Astley, oder die diversen Herrschaften, welche sie in ihrer Arbeitszeit in einem Pariser Bordell bedienen muss - sie alle werden von Bella durchschaut, entlarvt, und nicht selten genug auch in ihrem möchtegernhaften Männlichkeitswahn bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Ja, das ganze „wilde Herumgespringe“, wie Bella den koitalen Liebesakt zu Beginn noch unbefangen-kindlich tituliert, das wieder und wieder ins Bild gesetzte Sich-durch-die-Welt-Vögeln, das unaufhörliche Rumgeficke kann auf Dauer doch ein wenig ermüden - aber wie sagte Frau Baxter doch so schön: „Ich kann nicht verstehen, warum ihr Leute eine so schöne Sache nicht den ganzen Tag lang macht.“ Spätestens hier jedoch werden allerdings auch einige Probleme in der eben doch nicht so glatten und gefälligen Darstellung der feminist fable deutlich. Zum Einen wird der Auswahlprozess durch die männlichen Bordellgäste doch schon sehr nach dem Prinzip eines male chauvinist gaze inszeniert, beinahe wie eine ekelhafte „Fleischpräsentation“ in der Schlachtertheke, zum Anderen bricht der story arc um Bellas Bordellkarriere just in dem Moment ab, als sie laut eigener Schilderung emotional abzustumpfen beginnt - in jenem Augenblick also, in dem beispielsweise Lizzie Bordens trist-trostlose sex work-Sezierung „Working Girls“ gerade erst anfängt, so richtig wehzutun. Aber wirklich wehtun, das will dieser Film wohl auch gar nicht. Insofern ist es vielleicht auch etwas unfair, ihm das dann vorzuwerfen. Dennoch verbleibt hier das ungute Gefühl einer narrativ-diskursiven Leerstelle, die Ahnung, daß da irgendwie doch noch mehr möglich gewesen wäre. Auch der erst kurz vor dem Filmende wiederaufgenommene Nebenstrang um Bellas Herkunftsgeschichte wirkt wie ein unnötig-ungelenker Schlenker, der zudem der ganzen chose letztendlich auch wenig bis gar nichts Neues mehr hinzuzufügen hat.

Wie dem auch sei, als Freaky-Feministic-Expialidocious-Feel-Good-Movie mit farbenfrohen Schauwerten, oft, vielleicht zu oft komisch-belustigenden Momenten und einem deftig-kräftigen Schuß Lebens- und Liebeslust sowie einer mitreißend-umwerfenden, Funken der Begeisterung versprühenden Emma Stone in der Rolle ihres Lebens vermag „Poor Things“ durchaus zu unterhalten. Viel mehr sollte man aber auch nicht erwarten. Aber das ist ja auch schon mal was.

Une très jolie folie, wie die Französ:Innen sagen würden. Aber auch mit Anspruch und Köpfchen.

„It’s all been quite interesting, what is happening.“ rekapituliert Willem Dafoe als Godwin Baxter kurz vor Filmende.

Gleiches ließe sich von diesem Film als Ganzes behaupten.

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