Extremes in Cinema: Grenzüberschreitungen im Genrekino der 1970er und -80er
„What have we done to ourselves?“ - Die occupied mall als Kritik des Spätkapitalismus
( George A. Romero / 1978 / Kino (35 mm / Argento-Cut) / deutschsprachige Synchro)
( George A. Romero / 1978 / Blu Ray (U.S. theatrical cut) / englischsprachige OmeU)
"I’m all tuned in, I see all the programs / I save coupons from packets of tea
I’ve got my giant hit discotheque album / I empty a bottle, I feel a bit free
I’m all lost in the supermarket / I can no longer shop happily
I came in here for the special offer / Guaranteed personality"
(The Clash, „Lost In The Supermarket“)
"I wanna be rich and I want lots of money
I don’t care about clever, I don’t care about funny
I want loads of clothes / And fuckloads of diamonds
I heard people die while they’re trying to find them
And I am a weapon of massive consumption
And it’s not my fault, it’s how I’m programmed to function
I look in The Sun and I look in the Mirror
I’m on the right track / Yeah, we’re onto a winner
I don’t know what’s right and what’s real anymore
And I don’t know how I’m meant to feel anymore
And when do you think it will all become clear
‘Cause I’m being taken over by the fear"
(Lily Allen, „The Fear“)
Ich hatte Alles perfekt geplant, damals an diesem Sonntag morgen Ende April 1988. Schon in aller Herrgottsfrühe den Zug rein nach Hamburg nehmen, dort mit der S-Bahn bis zu den Landungsbrücken, auf dem Fischmarkt bei dem Händler ganz am Eingang, der nicht nur die coolen alten Marvel-Comichefte aus dem Williams-Verlag verkaufte, sondern auch alte VHS-tapes aus Videotheken-Auflösungen feilbot, das Objekt meiner Begierde erstehen, dann gleich wieder zurück ins norddeutsche Kleinstädtchen, wo ich damals noch und jetzt wieder leb(t)e, und dann ab mit dem Ding in den Cassettenschacht unseres Video-Recorders. Unsere Eltern waren an dem Tag nicht da, irgendwohin gefahren, und würden wohl auch erst irgendwann am späten Nachmittag wiederkommen - also hatten mein Bruder und ich genug Zeit, um endlich in aller Ruhe George A. Romeros „Zombie“ („Der Original-„Zombie“ - unübertroffen!“, wie die Beschriftung auf den knallblauen Cassettencover der Verleih-Firma Marketing Film vollmundig versprach - und Recht behalten sollte) anzuschauen. Was für eine die eigene filmische Vita exzeptionell prägende Sichtung. Und es lief auch Alles, wie geplant - Alles, bis auf eine Sache, die ich aber beim besten Willen nicht hätte planen können… aber mehr dazu gleich noch.
Schon vom ersten Bild an, als die arme Fran aus einem unruhigen, keine Erholung bringenden kurzen Schlaf erwacht, und wenn nur einen Wimpernschlag später mit dem abrupten Einsetzen des psychedelisch-geisterbahn-haften knalligen Synthie-Prog Rock-score von Goblin klar wird, dass der tatsächliche Alptraum eigentlich jetzt erst beginnt, hatte der Film mich. Damals mit sechzehn Jahren schon, auch heute - mit gut dreiundfünfzig Lenzen - immer noch. Romero bietet uns keine weitreichenden Erklärungen, back story oder Exposition, all das ist schlichtweg unnötig und hinderlich für das bis dato (und IMHO auch seitdem nie wieder) unerreichte grand apocalyptic scale, welches sein krasser Untoten-Kracher bereits in den ersten fünfzehn Minuten seiner Laufzeit etabliert. Spätestens als wir des Chaos, welches im TV-Studio bei der Live-Übertragung der hitzigen Diskussion zwischen dem enervierten Moderator und dem sachlich-abgeklärtem Wissenschaftler herrscht, gewahr wurden, war uns klar, dass wir hier etwas ganz ganz Grossem ansichtig wurden. Ein Gefühl, welches sich dann beim Sturm des SWAT-Teams auf das housing project, den ultrabrutalen Erschiessungen von Zombies und Unbeteiligten gleichermaßen, und der ersten fiesen Untoten-Beiss-und-Blut-Action bestätigen sollte. „Dawn Of The Dead“ war nicht einfach nur irgendein weiterer Horrorfilm mit jeder Menge Blut, gore und Gedärm - nein, er war der Bild gewordene Untergang der Zivilisation, das Ende jeglicher bürgerlich-demokratischer Ordnung und Verfasstheit, die in Zelluloid verewigte Angst vor dem sicheren Ende. Ich weiss nicht, wieviele von den hier Mitlesenden sich (noch) an die Grusel-Hörspiel-Cassetten (und / oder Vinyl-Schallplatten) mit den knallig-giftgrünen bzw. magenta-neonpinken Covern aus dem Hause EUROPA erinnern können (ich selbst lernte sie Anfang der 1980er auf diversen AWO-Jugendfreizeiten im Schwarzwald kennen und lieben), aber für uns war Romeros „Zombie“ damals die erwachsenere, blutig-brutalere filmische Entsprechung zu ebenjenen Hörspielen unserer Kindheit. Absolut gar keine Gefangenen machend, vollkommen niederschmetternd, wunderbar roh, ganz für sich selbst stehend, ein schonungslos-nihilistischer Horror-Meilenstein ohne ebenbürtige andere Streifen. Und er ist es im Grunde genommen bis zum heutigen Tage geblieben. Nach „Dawn…“ waren so ziemlich alle anderen Genrefilme in unseren Augen bloss noch lächerlich-läppische Fingerübungen, die sich mit der Wucht dieser pandämonisch-fatalistischen Weltuntergangs-Vision nicht mal im Ansatz messen konnten. Ein Ausnahme-Film, wie es ihn kein zweites Mal gibt. Und eine bitterböse Bestandsaufnahme of life as we knew it, Ende der 1970er Jahre. Eine schonungslos-finstere General-Abrechnung mit dem american (western) way of life, die Nichts und Niemandem eine Absolution erteilte.
Wie eingangs schon erwähnt: Ich hatte Alles perfekt geplant, nur eine Sache, die hatte ich nicht vorhersehen können… Es ging mir nach diesem allerersten, sonntagmittäglichen Ansehen von „Dawn…“ schlecht. Und zwar so richtig schlecht. Ich fühlte mich vollkommen bedrückt, selbst leichengrau und innerlich tot, so, als wäre gerade jemand, die oder den ich kannte, verstorben. Eine ungeheure Schwere lastete auf mir, ein kaum erträgliches Gefühl, das ich danach nur noch ein weiteres Mal nach einer Filmsichtung so erfahren sollte - nämlich, als ich anno 2019 das iranische Geister-, Kriegs- und (Nicht-)Emanzipationsdrama „Under The Shadow“ (auch ein phänomenal beklemmender Film, den ich auf dem FFF leider verpasst hatte, weil ich ihn dort entweder nicht ansehen konnte, oder nicht ansehen wollte… der mich dann bei der späteren Heimsichtung aber vollkommen fertig und innerlich zerstört zurückliess) auf Blu Ray in den eigenen vier Wänden „nachholte“. Und dabei hatte ich zu jenem Zeitpunkt schon Sam Raimis „The Evil Dead“ (deutscher Titel „Tanz der Teufel“) und diverse andere Ultra-Brutalo-Genre-Perlen ungeschnitten gesehen (VHS-Raubkopien sei Dank - Fuck you very much, BPjS !!!
). An der Härte der gezeigten physischen Gewalt alleine kann es also nicht gelegen haben. Aber vermutlich waren es einerseits wohl die massiv geballte Aneinanderreihung von Kopfschüssen, Gedärm-Gewühle und aus Oberarmen herausgebissener und -gerissener Fleischfetzen, und andererseits die ernsthaft unerbittliche Ausweglosigkeit des ganzen geschilderten Szenarios, welche mich so leer fühlen liessen. Erstaunlicher Weise ging es meinem zweieinhalb Jahre jüngeren, damals gerade mal vierzehn Lenze zählendem Bruder (zumindest augenscheinlich) besser damit, das gerade eben Gesehene verarbeiten zu können. Wie dem auch sei: Ich hasse es wirklich, mir selbst den Finger in den Hals zu stecken, sah aber an jenem Tag keine andere Möglichkeit, mich dieser bedrückenden Grundstimmung zu entledigen. Alleine: Es half rein gar nichts. Im Anschluss daran versuchte ich noch mit einer anderen Methode, dieses schreckliche Gefühl wieder loszuwerden, aber glaubt mir einfach, wenn ich schreibe, dass Ihr darüber hier bestimmt nichts lesen wollt… Doch auch das, was immer es gewesen sein mag, führte nicht dazu, den inneren Druck abzubauen. Nichtsdesto trotz, der Film war ein neues persönliches Highlight in meiner eigenen cineastischen Biographie. Und im Laufe der nächsten paar Wochen und Monate führten wir dieses krasse Ausnahme-Werk dann so ziemlich allen Bekannten und Freund:Innen, ganz gleich, wie jung oder alt sie waren (disclaimer: Ich richtete davor allerdings immer einige warnende Worte an sämtliche Mitschauenden, dass dieser Streifen in Sachen Gewaltdarstellung schon recht drastisch sei und nicht allzu zimperlich vorgehen würde (was die Allermeisten natürlich erst recht anspornte, den Film unbedingt sehen zu wollen) und fragte sie zuvor eindringlich, ob sie sich das wirklich geben wollten…). Ich glaube, allerspätestens dort und dann (und nicht erst mit der massenhaften Verbreitung einer von der Hamburger Genre-Videothek „Venal Virulent“ entliehenen und dann selbst raubkopierten neuseeländischen fast ungeschnittenen „Ab 16“-Fassung von Peter Jacksons „Braindead“ einige Jahre später) hatte ich meinen Ruf als völlig durchgeknallte:r Splatter-Horror-Weirdo-Freak weg…
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So sehr mich „Dawn…“ damals auch mitnahm, und seelisch fertig machte: Heutzutage hat er all seinen Schrecken und das Grauen, welches ich bei seinen drastisch-expressiven Szenen physischer Gewalt empfand, weitestgehend verloren, beziehungsweise haben sich die meisten dieser Emotionen auf andere Aspekte des Films verschoben. Wo ich früher vor Allem die feiste Zombie-Action abgefeiert habe, und mich die vielen Splatter- und Gore-Szenen in ihren Bann gezogen haben, da faszinieren und beängstigen mich heute ganz andere Facetten an Romeros Opus Magnum. Frans Emanzipations-Geschichte etwa, oder aber auch die vielen sozial- und kulturkritischen Einlassungen. Ja, ich kann mittlerweile auch schon gar nicht mehr anders, als „Dawn Of The Dead“ vor Allem als unmissverständlich-rückhaltlose Gesellschafts-Satire und konsumkritische Parabel auf den spätkapitalistischen ungebremst-schamlosen Waren- und Güterverbrauch des american way of life zu sehen. Die zuerst wie ein Kartenhaus blitzschnell zusammenbrechende Fassade der gutbürgerlichen Gesellschaft, das durch die selbst im Angesicht der unmittelbar bevorstehenden Apokalypse nur auf die aktuelle Einschaltqoute schielenden Massenmedien und die wild um sich schiessenden Angehörigen der staatlichen Exekutive (und auch ländlichen rednecks), die ihrem unverhohlenen Rassimus und der eigenen inneren Misanthropie endlich mal freien Lauf lassen können, verkörperte Versagen der sozialen Ordnungs-Instanzen, die Inbesitznahme der shopping mall und ihre anschliessende brutale „Säuberung“ von den Untoten durch unsere Protagonist:Innen, als ein willkürlicher Akt der (Wieder-)Aneignung der Möglichkeiten zum ungehinderten Massenkonsum, zur völlig sinnlos gewordenen Anhäufung von Waren und Gütern, der unreflektierte Wille zum bedenkenlosen Schwelgen im Überfluss, während draussen vor den Toren die Unterprivilegierten und von all dem Ausgeschlossenen vergeblich Einlass begehren, die allmählich sich vollziehende innere Metamorphose von Peter, Roger, Steven, und Fran, wenn sie den Schaufenster-Puppen und leblosen Plastik-Mannequins immer ähnlicher werden (allein schon die Szene, wie Fran sich genau so puppenhaft schminkt und frisiert, wie die überall herumstehenden und liegenden lebensgroßen dress up dolls, ist Gold wert), das alberne Herumwedeln von Peter und Roger mit den (mittlerweile wertlos gewordenen) Geldbündeln, die eben keinerlei realen Wert an sich haben, sondern bloss noch bunt bedruckte Papierschnipsel sind. All diese kalte Erstarrung im status quo (vadis) und das starrköpfige Verharren auf der in den eigenen Untergang führenden Überkonsumption, die strikte Weigerung, sich selbst und den eigenen verschwenderischen Lebensstil auf den Prüfstand stellen zu wollen, und dann auch die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen, verursachen mir inzwischen mehr Grauen, als jeder in den Kopf gestochene Schraubendreher oder blutspritzende head shot das jemals könnten. Das Gewahrwerden und Erschrecken über unser eigenes, uneinsichtig-rücksichtsloses Verhalten. Wobei die immer noch gültige Aktualität von „Dawn…“ und seiner Kapitalismuskritik ja auch darin begründet liegt, dass der Film und sein Subtext ja eben auch so vielseitig zu „lesen“ / anzuwenden sind. Nicht nur als Kritik an der hohlen Warenförmigkeit spätkapitalistischer Produktionsbedingungen und Konsumbeziehungen, sondern auch als postkoloniale Problematisierung des Verhältnisses von Erste Welt VS. Zwei Drittel-Welt, Erörterung der emanzipatorischen civil rights-Bewegungen der 1960er und -70er Jahre, und und und… Diese enorme Vieldeutigkeit hält den Film frisch, und trotz all der Untoten immer noch am Leben, und versorgt ihn weiterhin mit frischem Blut (pun intended
). Wo uns früher vor Allem der allseits bekannte und zitierte Slogan „When there’s no more room in hell, the dead will walk the earth!“ im Gedächtnis verblieb, da ist es heute ein ganz anderer, in Argentos arg verkürzender Schnittfassung gar nicht erst vorkommender Satz, welcher in meiner Perspektive sinnbildlich steht für all den Schrecken, den „Dawn…“ immer noch und mit rückhaltloser Prägnanz aufruft - Der Ausspruch von Fran, als sie, umringt (besser umzingelt) von all den zu Bergen angehäuften materiellen Reichtümern, und dennoch keinen einzigen Deut glücklicher als zuvor, im urplötzlichen Erkennen des eigenen, von ihnen Allen selbstgeschaffenen Gefängnisses, die Worte ausspricht, welche schon in der obigen Überschrift stehen, und in denen all die Misere und das Grauen dieser Situation anklingt und mitschwingt:
„What have we done to ourselves?“




