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„That’s a great shot!“

„Civil War“

(Alex Garland / 2024 / Kino ( DCP) / englischsprachige OV / Erstsichtung)

Es gab einen Moment Ende Juni 2020, in Pittsburgh, als ich mir einerseits wünschte, diese Reise würde nie zu Ende gehen. Wir hatten gerade Sam und Henry kennengelernt, und auf dem Weg zu ihrem hide out eine Handvoll Raiders getötet. Und nun standen wir da, und das schwindende Licht der untergehenden Abendsonne fiel auf die Betonplatten des angrenzenden Gehwegs, und ich dachte so bei mir: „Es könnte doch eigentlich ewig so weitergehen… da sind noch soviele menschenleere Großstädte, die wir erkunden könnten, da ist noch dieses ganze scheinbar unendlich weite Land vor uns, das es zu entdecken gibt.“ Und ein Teil dieses Wunsches war die Angst vor dem, was uns am Ende unseres Weges durch diese post-pandemischen U.S.A. wohl erwartete, die Befürchtung vor dem toll, den die unvermeidlichen Konsequenzen at the journey’s and auf uns Beide haben würden. Ja, ich hatte schlichtweg Angst vor dem outcome der ganzen Unternehmung. Und andererseits hoffte ich so sehr, dass dieser beschwerlich-qualvolle road trip, diese Odyssee durch die Überreste der menschlichen Zivilisation einfach nur vorbei sein möge. Dass wir uns nicht mehr tagein, tagaus mit grässlich entstellten Infizierten, skrupellos mordenden Banden marodierender Bandit:Innen, und Menschenfleisch verzehrenden creepy Päderasten herumschlagen müssten. Dass wir Beide endlich Frieden finden würden - sie vielleicht mehr noch als „ich“ (=Joel Miller). Dass endlich Frieden wäre. Wir zur Ruhe kommen könnten.

Warum ich diese Gedanken der Besprechung von Alex Garlands Bürgerkriegs-Medien-Drama voranstelle? Nun, weil ich beim Ansehen des Films einen Déjà-vu-Moment hatte, der genau auf dieses Erlebnis zurückzuführen ist… etwa in der Mitte des Streifens fahren die Protagonist:Innen mitten in der Nacht durch ein lichterloh brennendes Waldstück, und die orangeroten Feuerfunken stieben um ihr Vehikel wie eine Myriade von fire flies (<— see what I did there? :wink: ). Just beim Anschauen dieser Szene entsprachen meine Empfindungen ziemlich genau jenem Moment vor fast vier Jahren, als ich zum ersten Mal „The Last Of Us“ spielte - ich wollte nicht, dass diese geisterhafte Fahrt jemals an ihr Ende in Washington, D.C. käme - zum Einen, weil ich die Reise und die Bilder, welche sie unterwegs produzierte, so sehr „genoß“ (auch, wenn das Wort hier eher unpassend erscheint, meinen Gefühlen aber dennoch recht nahekommt), zum Anderen, weil mich das ungute Gefühl beschlich, dass das Ganze zumindest für einige, wenn nicht sogar für alle Beteiligten, nicht gut ausgehen würde. Ein Gefühl, welches mich nicht trügen sollte…

Der Auftakt zu „Civil War“ ist grandios gestaltet - es wird gerade einmal das Allernötigste erklärt, die Ausgangslage eher kurz und schemenhaft umrissen, denn eingehend erläutert. Warum genau der amtierende U.S.-Präsident eine dritte Amtszeit innehat, wieso sich gerade der mit Abstand liberalste und einer der konservativsten Bundesstaaten zu einer sezessionistischen Allianz zusammengefunden haben, was das große „Antifa“-Massaker ist, welches irgendwann einmal (vermutlich von Regierungsorganen) verübt wurde - wir wissen es nicht genau, und der Film wird sich im weiteren Verlauf auch nicht mehr groß dafür interessieren. Was wir aber wissen, und auch ad hoc hautnah vorgeführt bekommen - die U.S.A. befinden sich im Ausnahmezustand, und werden von mal kleineren, mal größeren Unruhen, Aufständen und civil riots erschüttert. Mitten in diesem Chaos beschliessen die desillusionierte, abgeklärt-gefühlsverkapselte Fotoreporterin Lee (Kirsten Dunst in einer ihrer besten performances nicht nur seit Langem, sondern tatsächlich überhaupt), der abenteuerlustig-draufgängerische Reuters-Journalist Joel, und Lees altväterlich-fürsorglicher Mentor Sammy, eine Autofahrt in die Bundeshauptstadt zu unternehmen, um als Erste den kurz vor seiner Absetzung (oder, noch schlimmer, Hinrichtung) stehenden commander-in-chief zu interviewen. Ihnen sich anschliessend, reist die blutjunge und naiv-unerfahrene Fotograf:Innen-Aspirantin Jessie, die in Lee ihre persönliche Heldin sieht, und die Fahrt sowohl als großes Abenteuer als auch als Chance für eine berufliche Bewährungsprobe versteht, gegen den Willen von Lee mit. Noch ahnen die vier nicht, dass diese triste Reise durch ein zutiefst gespaltenes und verfeindetes Land, durch eine nation in disintegration, sie Alle bis an ihre persönlichen Grenzen führen wird… und darüber hinaus.

Wo Garlands Film zuallererst und am Augenfälligsten punkten kann, ist in den Kriegs-Szenen und Kampf-Sequenzen. Wenn das Team an einer verlassenen Hochschule einen blutig-brutalen Häuserkampf begleitet, wenn sich an einer abgelegenen, idyllisch-blumengesäumten Landstraße zwei sniper durchs Zielfernrohr duellieren, wenn die leichengefüllte Ladefläche eines LKW in ein mit Kalk bestäubtes Massengrab entleert wird, oder wenn in Washington Apache-Helikopter Raketen in Häuserzeilen feuern und Abrams-Panzer über Straßenbarrikaden rollen, dann ist all das von einer involvierend-irritierenden Intensität und Aus-heiterem-Himmel-Unmittelbarkeit, wie man sie lange nicht mehr auf der Leinwand erlebt hat. Wozu auch das wuchtig-donnernde Sound Design einen Gutteil beiträgt. Denn auch wenn die Tongestaltung etwas arg vordergründig und aufdringlich sein mag - wenn urplötzlich das peitschende Knallen von Gewehrschüssen ertönt, einem MG-Salven und missiles nur so um die Ohren fliegen, das brachiale Kriegsgetön nur so durch Mark und Bein geht, dann zuckt man oft genug im Kinosessel zusammen, als wäre man selbst mittendrin. Im Kontrast dazu dann die Momente scheinbarer Ruhe (welche immer wieder durch kleine, beinahe unmerkliche Details im Bildhintergrund, wie bewaffnete Wachposten auf Kleinstadtdächern, von Autobahnbrücken baumelnde Lynchopfer oder am nächtlichen Horizont taghell aufleuchtendes, meilenweit entferntes Flakfeuer konterkariert werden), die wir so schon aus dutzenden ähnlicher Filme kennen - die Verbrüderungsrituale mit Schnaps und Joints beim gemeinsamen abendlichen Abhängen, das erstaunte Stromern durch Hinterland-Kleinstädte, die unbeeinflusst vom fernen Kriegsgeschehen so weiterleben, als sei die Zeit stehengeblieben und Alles noch so wie vorher, das Sich-unters-Volk-Mischen in zu Flüchtlingslagern umfunktionierten Sportstätten. Nur, um dann im nächsten Moment wieder aufs Neue einen Augenblick der eigenen Verunsicherung und Verstörung zu durchleben. Wobei Lee das Alles so oder ähnlich schon dutzende Male gesehen hat. Wie Kirsten Dunst hier die emotional abgestorbene Kriegsfotografin „mit müden Augen, ganz staubig und leer“ (in der leichten Umformulierung einer Textzeile aus Rio Reisers „Junimond“) gibt, ist schlichtweg phänomenal und dürfte ihr mit ziemlicher Sicherheit einen vorderen Platz unter den besten darstellerischen Leistungen des Kinojahres sichern.

Was uns dann zur nächsten Ebene des Films bringt, die dieser meiner Meinung nach schon nicht mehr ganz so überzeugend vermittelt. Die Kritik an Betrachten des Leidens Anderer (Susan Sontag), hier verkörpert durch die beiden war photographers Lee und Jessie, gelingt Garland IMHO leider bei Weitem nicht so gut wie das Darstellen der überwältigenden emotionalen Erschütterung durch das Kriegsgeschehen. Während uns als Zuschauende jeder einzelne Schuß trifft wie ein Vorschlaghammer, ist das sich direkt vor ihrer beider Kameralinsen vollziehende Sterben für Lee und Jessie als durch den Sucher sich vollziehende Jagd nach dem nächsten great shot, nach dem Bild schlechthin, was alles einfängt und ausdrückt, das die Eine zu empfinden nicht mehr in der Lage ist, und von dem beeinflusst zu werden die Andere sich zu befreien erst noch lernen muss, nur mehr eine Banalität, eine blosse Bilderschau, bei der im genau richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken nicht verpasst werden darf. Dass jedes gemachte Foto im Moment seiner Entstehung durch eben genau die Bedingungen, unter denen es entsteht, selbst eine ethisch-moralische Rahmung aufweist, das ist es, worauf der Film letztlich hinauswill - meiner Meinung dabei aber reichlich flat on it’s face fällt. Denn nicht nur ist das (doch eher mediokre) Ende schon meilenweit vorhersehbar, und zudem in seiner Gesamtaussage so simpel wie altbekannt. Natürlich entdeckt die ach so abgestumpfte Veteranin ihre verloren geglaubte Menschlichkeit wieder, und opfert sich für die jüngere Version ihrer Selbst auf, und ebenso natürlich begeht eben dieses ihr jüngeres Selbst den größten nur denkbaren Verrat an ihrer großen Heldin, indem es sie (durch das Fotografieren just im Moment des Todes) quasi ein zweites Mal „erschießt“ (siehe auch die Doppeldeutigkeit von „to shoot someone“ im Englischen (einmal mit einer Feuerwaffe, einmal mit einer Kamera). Das Foto des Präsidenten im Moment seiner Hinrichtung durch die Truppen der Western Forces als defining moment und turning point des Krieges dürfte Jessie mit ziemlicher Sicherheit den Pulitzerpreis einbringen - wenn auch „nur“ um den Preis der endgültigen Aufgabe ihrer emotionalen Anteilnahme am Leiden Anderer.

Insofern: Ja, ich kann es durchaus verstehen, wenn @Herr_Kees hier Parallelen zieht zu / Vergleiche anstellt mit „Apocalypse Now“ (dessen psychedelisch-entgrenztes Abgleiten in den Wahnsinn hier ja eher - aller einbeziehenden In your face-Haftigkeit zum Trotz - einer nüchtern-dokumentarischen Bestandsaufnahme weicht) - allein: Mich persönlich hat all das bedauerlicher Weise aber weder emotional noch intellektuell wirklich erreichen und / oder überzeugen können. Weil zum Einen schon vorher durch andere Filme, denen die Vermittlung dieser Anliegen für mein Empfinden besser gelang, bekannt gewesen, zum Anderen durch seine platt-pathetische Endnote (trotz aller Trockenheit in der Darstellung) nicht gelingend genug rübergebracht. Und auch, wenn mich selbst „Ex Machina“ von seiner Gesamtaussage her letztendlich dann mehr überzeugt hat als „Civil War“ - inszenatorisch, von den reinen Schauwerten und den schauspielerischen Leistungen her ist dies trotzdem Garlands bisher rundester und reifster Film. Und alleine schon Kirsten Dunsts Oscar-reifer, stellarer Ausnahme-Performance wegen ein absolutes must see.

Edit-To-Add: Anatomy of a scene - Alex Garland breaks down the sniper battle

Das (vor Allem hier in dieser Szene an die halluzinogen-farbsatte Autofahrt-Sequenz durch ein Blumenfeld aus „28 Days Later“ erinnernde) Spiel mit Unschärfen, Brennweiten, lens flares und Überstrahlungen, sowie die surreal-intensive Farbgebung, welche an die eigene Inszeniertheit des Films gemahnen, hatte ich in obiger Endlos-Bleiwüste ganz vergessen zu erwähnen.

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