„Are you interested in forging a new path, and see where that leads?“
„Backrooms“
(Kane Parsons / 2026 / Kino (DCP) / englischsprachige Originalversion / Erstsichtung)
" Whisper your name / In an empty room
You brush past my skin / As soft as fur
Taking hold / I taste your scent
Distant noises / Other voices
Pounding in my broken head
Commit the sin, commit yourself
And all the other voices said
Change your mind / You’re always wrong"
(The Cure, „Other Voices“ )
"What shall we use / To fill the empty spaces
Where waves of hunger roar?
Shall we set out across this sea of faces
In search of more and more applause?
Shall we buy a new guitar? / Shall we drive a more powerful car?
Shall we work straight through the night? Shall we get into fights?
Leave the lights on? / Drop bombs?
Do tours of the East? Contract diseases?
Bury bones? Break up homes? Send flowers by phone?
Take to drink? Go to shrinks?
Give up meat? Rarely sleep? Keep people as pets?
Train dogs? Race rats? Fill the attic with cash?
Bury treasure / Store up leisure / But never relax at all?
With our backs to the wall"
(Pink Floyd, „Empty Spaces / What Shall We Do Now“ )
„There are things known, and there are things unknown, and in between are the doors of perception.“
(Aldous Huxley)
„See? Nothing. Miles of nothing, just space. You could fall in, and never come out.“
(Annabeth Gish, „SLC Punk!“ )
Gestern abend dann nun endlich der zweite Mega-Hype-Film innert weniger Tage im Kino. Dieses Mal das liminal spaces / creepypasta phenomenon „Backrooms“ des blutjungen Regisseurs Kane Parsons, basierend auf dem im Jahre 2002 bei der Renovierung eines ehemaligen Möbelgeschäfts in Wisconsin aufgenommenen Foto leerer, mit zitronengelben Tapeten zugekleisterter Räume, und dem daraus resultierenden Internet-Hype, welcher ein ganzes Fandom hervorbrachte, das dann in der Folge reihenweise Fotos, diverse Videospiele, eine eigene youtube-Serie (ebenfalls von Parsons, damals gerade mal 16 (!!!) Jahre alt), und und und, kreierte. Jetzt also auch ein eigener, von A24 produzierter Film, der ebenfalls einen enormen buzz in den U.S. of A. ausgelöst hat, und Parsons zum jüngsten Regisseur ever werden liess, der jemals mit einem seiner Filme den ersten Platz bei den box office sales belegte. Da stellt sich natürlich die Frage, ob der Film denn all dem irren Gewese, das um ihn gemacht wird, gerecht werden kann? Nun ja… Jein! Was Parsons und sein DoP Jeremy Cox hier abbilden, das ist - vor Allem in den „Backrooms“-Sets - schon unglaublich gelungen, und sowohl in Sachen Kamera-Arbeit, als auch Schnitt und Produktions-Design, zuvorderst aber auch im Bezug auf die wirklich herausragende Regie-Arbeit, phänomenal, und breathtakingly stilsicher souverän. Der gerade mal zwanzig-jährige director weiss jederzeit, was er in welcher Einstellung wie und mit welchen Mitteln erreichen will, und gelingt es ihm auch nahezu immer, dies auch perfekt und genauso wie intendiert umzusetzen. Mit Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve hat er zudem zwei superb agierende Ausnahme-Schauspieler:innen, die hier auch blendend miteinander harmonieren, und eine tolle on screen chemistry haben, gefunden. Auch, wenn Renate Reinsve für my personal taste allzuoft ein verkniffenes Renate Reinsve-Gesicht macht. Der wahre Star des Streifens sind aber selbstschreibend die titelgebenden backrooms. Scheinbar endlos sich in unheimlich ungeahnte, unendlich-unfassbare Dimensionen erstreckende Räume und Räumlichkeiten, Korridore, Hallen, Flure, Gänge, die - anders als traditionelle Architektur- keinerlei erkennbaren Zweck zu haben scheinen, sondern mehr einer absonderlich-abscheulichen Kunst-Installation ähneln. An denen immer irgendetwas irgendwie off ist. Seien es nun sich in unmöglichen Winkeln auf sinnlos scheinende Fluchtpunkte verengende Passagen, die kaum noch von einem menschlichen Wesen durchschritten werden können, halb im Boden versunkene Stühle oder Tische, oder gleich kopfüber von der Decke oder an den Wänden und Schächten (herab)hängende Möbelstücke. Wie ein in scheusslich-unansehnliches Gelb getauchte Fieberträume anonym bleibender Baumeister:Innen und Konstrukteur:Innen. „Cube“ als endlos-ewig andauernder Escher-esker escape room aus der Innenarchitekt:Innen-Hölle auf einem psychotisch-paranoiden LSD-Horror-Trip. Oder ein Früh-90er-3D-Adventure-Video-Game mit verstörend-verborgener Intention. Was die Sound Stages anbelangt, und das unglaubliche Set Design, so dürften diese „Backrooms“ in diesem Genrefilm-Jahr kaum noch zu toppen sein! Und ist der Film immer dann, wenn er und seine Protagonist:Innen sich in diesen verschachtelt-verwirrenden, labyrinthisch-Leuchtstoffröhren-luminiszierten locations aufhalten, am Allerbesten, und erreicht eine kirremachend-krankhafte Wirkung, dass mensch sich auf der Stelle sowohl irgendwie unerklärlich unwohl fühlt, als aber zugleich eben auch wissen möchte, wie es denn in diesen unermesslich sich erstreckenden Arealen weiter geht (oder eben auch nicht). Das formidable Sound Design trägt dabei immens zu dieser leicht schrägen, unplausibly weird-en Atmosphäre, und abstossend-anziehenden, verunsichernd-verwirrenden Stimmung bei. Wirklich erschrecken werden sich die Allermeisten wohl eher nicht, das ist aber auch nicht die Haupt-Intention von Parsons und seiner crew. Sondern eben zuvorderst, diese ungemein dichte, unangenehm-unnennbare, nicht fass- oder greifbare, aber immer mitschwingende sensuelle Aggravation hervorzurufen. Verursacht durch dieses nicht vermess- oder verortbare, und doch erforschbare, die eigene Wahrnehmung nicht mehr verlässlich erscheinende und den Sinnen nicht mehr vertrauen machende Ambiente. Ein unbequem-unterschwelliges Grundrauschen an uncomfortable strangeness, eine eerily creepy otherworldy spatial experience. Wie Parsons hier Architektur als beunruhigendes Grundmotiv einer aus den Fugen geratenen Erfahrungswelt in Szene setzt, das ist wahrlich eine master class in surrealist movie making, und hätte mit Sicherheit auch einem Salvador Dalí, Man Ray oder Luis Buñuel den allerhöchsten Respekt abgenötigt. Die otherworldy and sometimes straight up shocking synth sound scapes des original score, von Parsons himself und Edo Van Breemen komponiert, programmiert und eingespielt, tun ihr Übriges, um aus „Backrooms“ eine wunderbar-wundersame, grandios-grauenvolle Reise in das alptraumhaft Unterbewusste des liminal space-Sujets zu machen. Eine journey to the weirdness of „all spaces that ever were“, die Ihr so noch nie mitgemacht habt. Liminal Space Oddity par excellence, and deluxe.
Bis hierhin ist also Alles in petto, und fein. Und hätte „Backrooms“ der „Blair Witch Project“ des architektonisch-räumlichen Horrors werden können, nein, werden müssen! Doch was sind denn dann die in meiner Wahrnehmung nicht ganz ungewichtigen Probleme, welche den Streifen letztendlich doch noch seinen beinahe schon zum Greifen nahen Status als künftiges master piece kosten? Nun, Parsons und „Backrooms“ tappen schlussendlich leider doch in ebenjene Falle, der schon viele Filmemacher:Innen erlegen sind: Sie trauen ihrem eigenen modus operandi nicht (mehr), und können es eben doch nicht unterlassen, noch eine - ebenso unnötige, wie unpassende - Rahmenhandlung um die backrooms tour herum zu basteln, und zu bauen (<— pun intended). Anstatt das Ganze im Ungefähren zu belassen, und hier - analog zu den gezeigten spaces - beinahe unendlichen Raum (<— pun also intended) für allerlei mögliche eigene Interpretationen zu lassen, wird die Perspektive dann eben doch wieder verengt, das kongenial Nebulöse, und eben dadurch so verstörend Wirkende, psychologisiert, und mehr oder weniger doch recht eindeutige Erklärungsmuster, Interpretationshilfen, und Deutungs-Schablonen angeboten. Was so unglaublich jammerschade ist, weil der Film sich eben dadurch der enormen Wirkmächtigkeit, die in seinem Uneindeutig-Unerklärten liegt, selbst beraubt. Die ganze back story mit der ominösen Organisation / dem Firmen-Geflecht namens ASYNC hätte ich mir ja noch gefallen lassen, war wohl auch schon in der (von mir noch ungesehenen) web-Serie vorhanden - Dass aber die ganze chose dann auch noch recht (über-)deutlich auf Kindheits-Traumata, zwanghaft-selbstschädigende Verhaltens-Routinen, und dergleichen albern-bemüht wirkenden Küchen-psychologischen Mumpitz und Mummenschanz rekurriert, und hinauswill, das geht mir total gegen den Strich, und hat „Backrooms“ in seinem letzten Drittel für mich dann leider doch noch das Genick gebrochen. Mag sein, dass da auch die A24-typische Gewohnheit, dass (fast) immer und allerorten in jedem derer Filme auch eine Drama-Schiene mit einbezogen werden will, und eingebaut werden soll, mit reingespielt hat… aber da hat sich das script, und dem ansonsten grossartigen Film gleich mit dazu, mal wirklich so gar keinen Gefallen getan. Auch, dass am Ende eben doch wieder auf eher vordergründigen Schock, und die klassische Verfolgungs-Sequenz gebaut wird, hat mir eher gar nicht gefallen. Für mich selbst der beinahe einzige Schönheitsfleck im ansonsten porentief reinen, makellos ebenmässigen (wenngleich auch irgendwie in einem ungesunden Gelbton illuminierten) Antlitz von „Backrooms“. Gut möglich, dass viele, wenn nicht gar die meisten von Euch, damit weit weniger Probleme, als meine Wenigkeit haben. Aber für mich war dieser vermeidbare story-technische und thematische Fauxpas bedauerlicher Weise doch ein ziemlicher Abtörner, welcher mich Parsons’ Film somit von „Absoluter instant classic, und ein Meisterwerk für die Annalen“ auf „(Nur) Sehr guter Streifen mit einer phänomenal-unvergesslichen, unerquicklich-irritierenden Atmosphäre“ hat herabstufen lassen. Dennoch: Eine absolute Seh-Empfehlung für Alle, welche im Kino nicht nur irgend „unterhalten“ werden möchten, sondern sich gerne auch mal im Sitz winden, weil ihnen das Gesehene unangenehm auf die Pelle rückt, verstörend unter die Haut geht, und manche Bilder noch bis in die eigenen Alpträume hinein im Kopf verfolgen. „It’s a real mess. But it’s somehow also strangely beautiful.“ heisst es an einer Stelle im Film.
Als ob er sich damit selbst beschreiben wolle.