"I’m walkin’, yes, indeed / And I’m talkin’ ‚bout you and me
I’m hopin‘ that you’ll come back to me, yeah
I’m lonely as I can be / I’m waitin’ for your company
I’m hopin’ that you’ll come back to me"
(Fats Domino, „I’m Walkin’“)
„But I would walk five hundred miles / And I would walk five hundred more
Just to be the man who walked a thousand / Miles to fall down at your door“
(The Proclaimers, „I’m Gonna Be (500 Miles)“)
„He do the song about the sweet lovin’ woman / He do the song about the knife
He do the walk, do the walk of life / Yeah, he do the walk of life“
(Dire Straits, „Walk Of Life“)
„Every moment matters. Especially at the end.“
„The Long Walk“
(Francis Lawrence / 2025 / Kino (DCP) / englischsprachige Originalversion / Erstsichtung)
Bevor hier nun noch mehr uninformierte Halbwahrheiten, krude Spekulationen und abstruse Theorien über die neueste Stephen King-Verfilmung „The Long Walk“ ausgebreitet, und wiedergekäut werden, dann hier mal einige Worte dazu von jemandem, die:der den Streifen dann auch wenigstens schon gesehen hat (@Herr_Kees wird dann alsbald sicherlich auch noch den einen oder anderen interessanten Satz dazu beizusteuern haben). Und sich dabei dann doch recht gut „unterhalten“ (so man dies denn im Angesicht eines solchen Themas, der deutsche (und unpassend-Shoah-relativierende) Titel der Romanvorlage war „Todesmarsch“, überhaupt so ausdrücken möchte) gefühlt hat. Wobei ich aber auch anmerken muss, dass der gleichnamige Stephen King-Roman damals Mitte / Ende der 1980er eines meiner liebsten King-Werke war und ist, und in meiner persönlichen Gunst gleichauf rangiert mit „Dead Zone“, „Carrie“, "„Misery“, „Christine“ und „The Dark Tower Volume 1: The Gunslinger“. Ich darob also äusserst kritisch an diese Film-Adaption herangehen, und einige Punkte bemäkeln werde, welche Euch selbst unter Umständen so ziemlich egal sein könnten. Und Eines gleich vorweg: Der Film „The Long Walk“ erreicht nie auch nur im Ansatz die düster-nihilistische, trist-niederschmetternde Endgültigkeit des Buches, auf dem er basiert. Was aber beileibe kein Nachteil ist. Mich selbst trotzdem ein wenig enttäuscht hat. Aber dazu kommen wir gleich noch.
Die Grund-Prämisse / Ausgangslage ist so simpel, wie sie gruesome ist: Fünzig Teenager-Jungen und junge Männer erhalten in einer nicht näher definierten U.S. of A. nach einem (Bürger:Innen?)Krieg und inmitten einer ökonomischen Krise die Chance, an einem medial inszenierten und als Spektakel den Massen zur Ablenkung dargebotenen Gewaltmarsch teilzunehmen. Die Regeln sind einfach und tödlich genug: Immer eine Schrittgeschwindigkeit von 3 Meilen die Stunde einhalten. Wer darunter fällt, erhält eine Verwarnung, nach weiteren 10 Sekunden eine zweite. Nach der dritten Verwarnung wird man ohne weitere Vorwarnung sofort erschossen. Ebenso, wenn man die entlang zu gehende Straße verlässt, oder anderweitig dem Marsch sich zu entziehen versucht. Man kann erhaltene Verwarnungen „abarbeiten“, wenn man pro erteilter Verwarnung eine Stunde lang geht, ohne eine weitere Verwarnung zu erhalten. Derjenige, der als Letzter übrigbleibt, ist der Gewinner, wird mit einer enorm hohen Summe Geld belohnt, und darf zudem einen zu erfüllenden Wunsch äussern. Der junge Ray Garrety beschliesst - entgegen dem ausdrücklichen Wunsch seiner besorgten Mutter - am „Long Walk“ teilzunehmen. Unterwegs und während der schier unendlich scheinenden Meilen lernt er andere Mit-Geher kennen, schliesst mit einigen von ihnen Bekanntschaft, und erhält in dem entschlossen-hilfsbereiten Peter McVries einen Freund fürs Leben - welches in Anbetracht der noch vor ihnen Allen liegenden Strecke, so lang sie auch sein mag, kurz genug sein könnte…
Francis Lawrence’s, auf einem Script von JT Mollner („Strange Darling“) basierender Film hält sich erfreulich eng an die Roman-Vorlage. Da wo er bestimmte Aspekte weglässt, tut er das meist aus der Focussierung auf das Kern-Thema des Streifens zweckdienlichen Gründen. So sind hier die Seitenstreifen und Gehwege entlang der sich endlos bis zum fernen Horizont erstreckenden Straße beispielsweise nicht mit tausenden und abertausenden von die Geher anfeuernden Zuschauer:Innen-Mengen und -Massen gesäumt. Was der Geschichte zwar eine durchaus interessante zweite Ebene in Bezug auf die massenmediale Darstellung und das Inszenieren von derlei Events als Spectaculum nach dem Motto „panem et circenses“ gegeben hätte, aber auch allzu stark von dem wirklichen Topos, nämlich dem walk als soziale Metapher, welche den persönlichen Umgang mit den Hürden des gesellschaftlichen Miteinanders und den je individuell verschiedenen gegenseitigen Umgang unter den daran beteiligten Mitmenschen symbolisiert, abgelenkt hätte. Denn alleine dafür, für diese Versinnbildlichung des Marsches als Gang durchs eigene Leben, sind die knapp 100 Minuten des Films beinahe schon zu kurz. So dass es schon einem kleinen Wunder gleicht, dass und wie Lawrence und Mollner hier nahezu alle relevanten Schlüsselmomente des Romans unterbringen, und perfekt platzieren können. Auch die vielen verschiedenen Charaktere, die hier ja mehr Archetypen mit je unterschiedlicher Art und Weise des Umgangs mit dem Marsch selbst, und den an ihm teilnehmenden anderen Gehern verkörpern, sind allesamt gut getroffen, und werden von ihren jeweiligen Schauspielern glaubhaft dargestellt. Da ist Stebbins the rabbit, Barkovitch der Killer, Hank Olson, Art Baker, Collie Parker, und und und… Auch Judy Greer als Rays zu Tode sich sorgende Mutter und Mark Hamill als grimmig-grausamer Major machen hier eine wortwörtlich gute Figur. Absolut herausragend aber, und alle Anderen an die Wand, bzw. bis über die dritte Verwarnung hinaus spielend, ist David Jonsson als Peter McVries, der hier mit seiner mitreissend-energetischen Art an das Fiebrig-Rastlose eines jungen Bruce Springsteen erinnert, und beinahe den ganzen Film auf seinen Schultern mit seinen Füßen trägt. Eine echte Ausnahme-performance!
Nun lebt ein Film, in welchem die Charaktere die allermeiste, bis im Grunde genommen ganze Zeit über nichts Anderes tun, als beständig einen Fuß vor den anderen zu setzen, und sich dabei miteinander zu unterhalten, ja hauptsächlich und nahezu ausschliesslich von seinen Dialogen. Die hier zwar gut geschrieben, aber gerade zu Beginn für non native speakers leider nicht immer, und allzu oft nur sehr schwer verständlich sind. Weshalb ich eingangs manche entscheidenden Gespräche bisweilen leider auch nicht bis auf ihren letzten Grund mitverfolgen konnte. Das bessert sich im Laufe des Fortgangs des Films zwar, ist aber dennoch ein wenig schade. Denn gerade das psychologische Element in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die je anderen, subjektiv verschiedenen Verhaltensmuster gegenüber den weiteren Teilnehmern und Umgangsweisen untereinander, machen ja das spannende Element von „The Long Walk“ aus. Da gibt es Jene, die aus reinem Egoismus andere Mitgehende solange provozieren, bis diese einen Fehler begehen, der sie das Leben kostet, da sind Andere, die altruistisch und empathisch ihren Leidensgenossen helfen, und sie unterstützen, wo und so gut es eben geht, und da gibt es auch Solche, die stoisch wortkarg einfach nur mitgehen, ohne sich großartig um die Anderen zu kümmern. Was daraus für Konflikte, Krisen und Probleme, aber auch Chancen, Freundschaften und Solidargemeinschaften erwachsen und entstehen, das ist der eigentliche Kern dieser trist-traurigen, aber oft auch tröstend-hoffnungsvollen Geschichte über einen Marsch durch eine verlassen-verlorene Welt, in der wir uns oft wie Fremde fühlen, bis wir der Tatsache gewahr werden, dass wir diesen Gang nicht alleine machen, sondern es noch viel Andere gibt, die uns auf diesem Weg begleiten. Und dass es sich zu Mehreren oft besser und angenehmer geht, als mutterseelenallein und ganz auf sich selbst gestellt. Von daher macht „The Long Walk“ über weite Strecken (<-- pun intended) im Großen und Ganzen schon so ziemlich Alles richtig. Bis, ja bis der ewig lang anmutende Gewaltmarsch irgendwann dann doch an sein Ende kommt, so wie ja auch jeder Film irgendwann an sein Ende kommen muss. Und da nimmt der Film dann einige, zwar nicht ganz so entscheidende, aber doch problembehaftet-diskussionswürdige Änderungen zu seiner Buch-Vorlage vor. Zum Einen gewinnt hier nicht Ray, sondern Peter den Marsch. Was tatsächlich überhaupt nicht weiter schlimm, und in Anbetracht der um sovieles besseren schauspielerischen Leistung David Jonssons eigentlich auch nur folgerichtig ist. Zudem es ja auch das Ende in seiner grundlegenden Form und Konsequenz gar nicht großartig verändert, nur einen Charakter durch einen anderen austauscht. Was dann aber wiederum in meinen Augen bedeutend problematischer wirkt, ist, dass Peter dann als seinen Wunsch den zuvor während langer Gespräche auf dem Marsch offenbar gewordenen Wunsch Rays, den Major erschiessen zu wollen, wenn er denn gewinnen sollte, äussert, und erfüllt. Nicht nur wirft dies ein ganz anderes Licht auf Peters Charakter, und Wesen, nein, es deutet das eher poetisch-allegorische Ende des Buches (in dem die Hauptfigur selbst nach dem Gewinn des Marsches einfach immer weitergeht, weil sie nicht anders kann und besser zu tun weiss), in eine konkret-reale Handlungsoption um. Widerrechtlich-grausame, sich nur vermittels militärischer Gewaltherrschaft an der Macht haltende Despoten, einfach abzuknallen, und zu erschiessen. Was Alex Garlands „Civil War“ noch als kaum zu rechtfertigenden Gewaltakt, der im Grunde genommen nichts ändert, sondern nur das Prinzip von Gewalt als probatem Mittel zur Lösung von sozialen Problemen weiter fortschreibt, problematisiert, das wird hier in „The Long Walk“ eben mal so legitimiert. Womit der Film beinahe schon sich selbst, und all die diesem IMHO unpassenden Ende vorausgegangenen Qualen und Opfer, ad absurdum führt. Und ich beinahe darauf wetten würde, dass für diesen unnötig-unappetitlichen Ausrutscher mal wieder script author JT Mollner, der mit dem peinlich-blödsinnigen „Strange Darling“ ja immerhin schon den für mich selbst schlechtesten Film des letzten Kinojahres abgeliefert hat, verantwortlich zeichnet. Aber, sei es, wie es ist: „The Long Walk“ ist eine über den Großteil der mit ihm durchschrittenen und abgelaufenen Distanz eine durchaus strapaziös ansehnliche, parabelhaft-erschöpfende tour de force, nach deren Ansehen Einer:Einem beinahe schon selbst die Füße schmerzen. Es ist nur so überaus schade, dass er sich auf seinen allerletzten Metern dann doch noch so sehr verstolpert, und lang hinfällt, wo er doch eigentlich selbst nach dem Abspann immer noch stoisch weitergehen könnte. Mit blutig-kaputt gelaufenen Füßen, und müden Augen und Geist, aber hoch erhobenen Hauptes. So aber bleibt er ermattet im Dreck liegen, dem kalten Regen unerbittlich ausgesetzt, während wir mit schweren Schritten an ihm vorbei ziehen, und einigermaßen ernüchtert aus dem Kinosaal ins Licht des Foyers tapsen.
P.S.: @Kumiho und seiner neulich erfolgten ChatGPT-Eingabe, die Länge meiner Texte betreffend, sei Dank, habe ich für mich persönlich die beinahe perfekt passende Länge für eine vermutlich weitaus bessere, dann aber von wohl kaum Jemandem zu Ende geschaut werdende „The Long Walk“-Filmadaption ersonnen: So acht bis neun Stunden sollte / müsste der dann schon laufen. Am Besten ohne Pause dazwischen. Das wäre für die Zuschauer:innen selbst wohl beinahe so ein schmerzhaft kaum zu bewältigender ordeal, wie für die Geher im Film. Und würde vermutlich jede Menge entnervter walk outs (<— pun also intended) provozieren. Der / die Sieger:Innen, welche dann nachher als Letzte im Kinosaal übrigbleiben sollten, könnten dann ja Kino-Freikarten gewinnen, oder Popcorn auf Lebenszeit. Und von mir aus auch einen Wunsch freihaben. Aber dann vielleicht besser keine Karabiner in griffbereiter Nähe haben.