The Long Walk
aka „The Long Talk“
So pervers die Geschichte auch ist, man hängt erst mal am Haken und fiebert mit den Protagonisten schmerzhaft mit. Die Handlung passt natürlich auf einen halben Bierdeckel, denn außer dem hinlänglich bekannten Marsch einer Gruppe sehr gut charakterisierter Jungs passiert eigentlich nicht viel, sieht man von gelegentlichen, hart inszenierten Exekutionen, die sich allerdings nicht alleine auf Kopfschüsse beschränken, einmal ab.
Vielmehr stellt „The Long Walk“ die Verzweiflung und Gründe einiger Protagonisten in Form von recht tiefgreifender, mitunter nahezu philosophischer Dialoge, in den Vordergrund. Und diese Dialoge sind lang, sehr lang. Sie sind allerdings (meistens) nicht langweilig. Je weiter sich die Boys entlang ihres Weges quälen, desto mehr versuchen sie sich nicht nur physisch, sondern auch mental aufrecht zu halten, suchen die Nähe zu anderen Mitstreitern, fangen sogar an so etwas wie Freundschaften zu schließen. Dies mag angesichts des mehr als offensichtlichen Wettbewerbs der ganzen Sache zunächst verwirrend sein, doch Menschen zeigen angesichts des kommenden Todes und unter extremen Bedingungen mitunter halt ihr wahres Gesicht und fangen an, sich zu öffnen, suchen Halt bei ihrem Nächsten. Hintergründe und Motivation einzelner Personen werden offen gelegt. Das hat teilweise schon etwas von der Art der Beichte eines Todgeweihten.
Umso erschütternder ist es dann natürlich, wenn „lieb gewonnene“ Mitläufer ihr Leben aushauchen (oder unter Qualen ausschreien). Das geht zugegebenermaßen unter die Haut. Dafür braucht es keine „Action“, qualvoll verzerrte Gesichter und Schreie reichen vollkommen.
Ich habe selten einen Film gesehen bei dem ich so sehr mitgelitten habe. Dabei sollte man natürlich nicht nach Logik fragen, denn zumindest mir ist kein Mensch bekannt, der hunderte von Meilen über mehrere Tage und Nächte durchmarschiert ist, ohne wenigstens „Marschierpulver“ zu konsumieren, das in dieser Geschichte aber weder erwähnt, noch offensichtlich konsumiert wird (obwohl es thematisch zu King mehr als nur gepasst hätte, aber das ist eine andere Story).
Wie häufig bei einer „King“ -Adaption werden einzelne Charaktere, und nicht nur der für Stephen King‘s Bücher bekannte „white trash“, hervorragend charakterisiert und der Film macht das so gut, das es einem wirklich nicht „egal“ ist, wer da nun als nächstes ins Gras beißen wird. Das Fatalistische liegt halt darin, das man von Anfang an WEISS, daß es halt fast jeder tun WIRD. Die Frage ist halt nur wann. Und wie. Und wer.
Was mir am besten an „The Long Walk“ gefallen hat ist, das der Todesmarsch NICHT als großes Event für ein sensationsgeiles Publikum gezeigt wird, sondern das am Wegesrand zumeist nur vereinzelte, traurige Menschen stehen, die stumm und regungslos dem Geschehen folgen. Dies gibt dem Film eine Aura von Gleichgültigkeit als auch Hoffnungslosigkeit. Nach einem nicht näher beschriebenem Krieg scheint die Gesellschaft in den Trümmern einer Art von post-Apocalypse weiter zu vegetieren und mit anderen Problemen beschäftigt zu sein, als sich an so etwas aufzugeilen und die „Walker“ sensationsgeil zu beklatschen. Hier punktet der Film für mich besonders mit seiner Atmosphäre, wenn man heruntergekommene Gebäude in einer leeren Landschaft zwischen einsamen, teils kaputten Straßen sieht, oder die Kamera kurz auf die Schönheit einiger frei herumlaufender Pferde hält um dann wieder mit tiefem Zynismus an einem Plakat für den Komfort von Sitzmöbeln hängen zu bleiben.
Freunde von Stephen King erkennen auch ohne Kenntnis des Romans hier seine ganz typische, böse Handschrift. In Unkenntnis des Romans kann ich natürlich nicht beurteilen, ob die Umsetzung nun in Bezug auf die literarische Vorlage „gelungen“ ist, oder ob man sich hier viele Freiheiten erlaubt hat.
Zyniker mögen den Film als eine Art Parabel auf unsere Gesellschaft sehen, in der sich alle Tag und Nacht abrackern, und die meisten am Ende doch keine süßen Früchte ernten werden. Was mich zum Ende des Films bringt, das dann für mich irgendwie eine Art von Anticlimax war. Die Gründe dafür mag ich aber nicht spoilern. So geht es mir allerdings oft mit Geschichten von King. Liebevoll und mit vielen Details aufgebaute Stories werden am Ende brutal eingerissen und abrupt zu einem vielleicht nicht wirklich befriedigenden Ende geführt. Aber welches Ende von „The Long Walk“ hätte für den Zuschauer auch wirklich „befriedigend“ sein können ?
Ich gebe 7/10.
„I walk the line
Between good and evil
You know that’s the price you pay
Is life all in vain?
I’m already in the gutter -
Next stop is the drain!“
Alien Sex Fiend, „I walk the line“