" The simulacrum is never that which conceals the truth - it is the truth which conceals that there is none. The simulacrum is true."
(Jean Baudrillard, „Simulacres et Simulation“, zitiert nach: englischsprachige wikipedia, Hervorhebungen von mir)
Willkommen in der Wüste des Realen
„Sirāt“
(Óliver Laxe / 2025 / Kino (DCP) / OmdU / Erstsichtung)
Es ist nun schon gute zehn Jahre her, dass ich selbst zum letzten Mal ein Techno-Festival / einen Rave besucht habe. Anfang August 2015 war das, die damalige Ausgabe des „3000°“-Festivals im brandenburgischen Feldberg. Und, wie auf nahezu allen Techno-Veranstaltungen und Raves, seien sie nun mit behördlicher Genehmigung durchgeführt, oder auch „illegaler“ Natur, so war es auch damals und dort so, dass sich sowohl Orga-Team als auch Publikum nach Kräften darum bemüht haben, für die Dauer eines Wochenendes eine Art alternativer Ersatz-Realität, einer für wenigstens eine begrenzte Zeitspanne funktionierende soziokulturelle Utopie zu erschaffen. Und wie bei allen diesen Festivitäten zeigte sich auch hier schon nach kurzer Zeit, dass diese mühsam errichtete Fassade von der ach so schönen heilen „anderen“ Welt, die doch möglich sein müsse, vom gelebten Gegenentwurf zum so überaus verhassten Alltag und den Zwängen, Konformitäten und Realitäten der „normalen“ Gesellschaft, nur zu bald schon erste Risse bekam, und zu bröckeln begann. Dass sich hinter diesen Trugbildern dann doch wieder nur die hässliche Fratze der von allerlei Machtstrukturen, Ungleichgewichten und Unwuchten durchzogenen, strukturierten und bestimmten Gewohnheits-Norm offenbarte. Dass auch diese community nicht völlig frei leben, und komplett selbstbestimmt existieren kann. Sondern im Gegenteil immer schon aus einer bereits a priori stattgefundenen Prägung durch und Auseinandersetzung mit den gegebenen Alltags-Realitäten herstammt. Ob sie das nun will oder nicht, ob sie das nun zu leugnen versucht, oder anerkennt. Dafür brauchte es gar keine Skandale wie den um heimlich gefilmte und auf Porno-Plattformen eingestellte Dusch- und Dixi-Videos wie auf der „Fusion“, oder Vergewaltigungen (auch auf jener oft und gerne als „Ferien-Kommunismus“ euphemisierten „Fusion“) und tote Neugeborene im Dixi-Klo, so wie einst auf dem PsyTrance-Happening „Shiva Moon“. Nein, dass auch jene alternate realities keine machtfreien und diskriminierungslosen Räume waren und sind, das konnten selbst die zugedrogtesten party people (oft sogar gerade die) morgens um fünf Uhr auf beinahe jeder Tanzfläche, an jeder Fressbude, und in der Schlange von jeder Dusch-Gelegenheit beobachten. Übrigens auch das einer der Gründe, warum ich selbst der Techno-Szene damals den Rücken gekehrt, und mich nie wieder umgedreht habe - schon gar nicht mit sehnsuchtsvollem Blick.
Der filmische Auftakt von „Sirāt“, Óliver Laxes psychedelisch-ernüchterndem Selbst-Erfahrungstrip und zunehmend finsterer werdendem reality check, beginnt auf genau so einer Pseudo-Temporäre-Alternativ-Gesellschafts-Veranstaltung. Und lässt Eine:n, zumal wenn man selbst früher oder auch jetzt noch Gast auf solcherlei events war oder ist, unwillkürlich im Kinosessel mitgrooven, den Four To The Floor-Beat mit dem Fuß mitstampfen, und mit dem Kopf im Rhythmus der omnipräsenten und scheinbar selbst dann, wenn sie längst schon verklungen ist, nie aufzuhörenden Musik (wer selbst schon einmal ein ganzes weekend auf einem Rave verbracht hat, mag das kennen, wenn man auf der Rückfahrt im Auto selbst ohne Mucke aus dem Autoradio / Cassettenschacht immer noch den Beat im Kopf zu hören vermeint) mitnicken. Wohl kaum ein Film zuvor hat dieses bloße Im-und-für-den-Moment-Sein, diese pure Existenz im Hier und Jetzt, und nur im Hier und Jetzt, diese ozeanische Entgrenzung und das Aufgehen in der Menge, diese ungeheuer kraftvolle Energie, die aus dem Gefühl der kollektiven Verbundenheit alljener gleichzeitig auf dem dance floor abgehender Menschen erwächst, so eindrücklich, nachvollziehbar und glaubhaft eingefangen, wie Laxe in jenen ersten Szenen von „Sirāt“. Nur, um es sodann und gleich wieder in Frage zu stellen, und schmerzhaft-intensiv auseinander zu nehmen. Solange und so tiefgehend, bis wirklich so gut wie nichts mehr bleibt. Nichts, ausser fünf verlorene Gestalten in der endlosen Weite der Wüste. Gemeinsam einsam unter einem leeren weißen Himmel, miteinander verbunden nicht mehr im berauschten Gefühl des Aufgehobenseins im Moment, sondern in fortwährendem Schmerz, anhaltender Trauer und abgründigem Verlust. „In die Sonne schauen“, mit Techno-Beat unterlegt. So lange, bis man nicht nur die Anderen, sondern auch sich selbst aus dem Blick, und aus dem Sinn verliert.
„Willkommen in der Wüste des Realen“, so nannte der slowenische Neo-Marxist und Pop!uläre Kulturphilosoph Slavoj Žižek in Anlehnung an eine Zeile aus Jean Baudrillards „Simulakra und Simulation“ sein 2002 erschienenes Buch, welches sich mit den soziokulturellen Verwerfungen und globalen Disruptionen, die in der Folge von 9/11 die Welt erschütterten, befasste. Ein Buch, in dem Žižek die Folgerichtigkeit der terroristischen Attacken des 11. September 2001 als zum Teil durch ihre ikonographische Vorwegnahme in Hollywood-Katastrophenfilmen begründet sah, und schlussfolgerte, die Anschläge des 11. September seien ein unterschwelliger Wunsch der U.S.-amerikanischen Gesellschaft gewesen, da sie bereits als in jenen Filmen ausgebreitetes Spektakel heimlich herbeigesehnt worden wären. Die behauptete Universalgültigkeit der Menschenrechte und der Kriege gegen den Terror im Namen von und zur Durchsetzung ebendieser Rechte hätten genau diese Menschenrechte außer Kraft gesetzt und infrage gestellt, durch die Legitimierung von Folter und Rechtfertigung von Grausamkeiten zu ihrer Perpetuierung. Die Wüste des Realen, in der eine behauptete Moral nur verschleiert, und im selben Moment doch gerade ebenso offenbart, dass ebendiese Moral gar nicht existiert. Ein Simulakrum, das Realität (geworden) ist. Sergi López (der Gérard Depardieu (hoffentlich nur) äusserlich immer ähnlicher zu werden scheint) und Bruno Núñez Arjona spielen nun Vater und Sohn, die nach Marokko gekommen sind, um dort die verschollene Tochter und Schwester Mar (was auf Spanisch „Meer“ bedeutet, und von diesem / dieser Meer ist im ganzen Film weit und breit nichts zu sehen) zu suchen. Und auf dieser Suche ein Rave, auf dem sie sich umhören, die Teilnehmer:Innen befragen, und Flyer mit dem Konterfei der Vermissten verteilen, mir nichts, Dir nichts, von einem Konvoi Soldaten unter- und abgebrochen wird. Die Situation sei eskaliert, alle Europäer:Innen mögen sich bitte in ihre fahrbaren Untersätze begeben, und man werde sie sodann in einem Kovoi aus der Einöde heraus, und in sicheres Gebiet eskortieren. Aber da ist ja angeblich noch dieser eine Rave tief in der Wüste, auf dem Mar vielleicht, vielleicht auch nicht, sein könnte, und den einige der Partygänger:Innen unbedingt noch besuchen wollen - koste es, was es wolle. Ob nun für Sprit-Kanister, oder an seelischer Gesundheit. Doch wie hoch der zu entrichtende Preis dann tatsächlich sein wird, kann noch niemand ahnen…
Der Titel-Schriftzug von „Sirāt“ wird erst dann eingeblendet, als sich die körperlich teilweise gehandicapped-ten und mutilated „Freaks“ (einer der party people trägt in einer Szene ein T-Shirt mit den zwei pin heads aus Tod Brownings 1930er-Horror-Klassiker und der Aufschrift „Freak Show“) zusammen mit Vater, Sohn, und Hündin auf den Weg tief ins Innerste der Wüste machen, zu einer unermüdlich-rastlosen, strapaziös-beschwerlichen Suche nach einer Fata Morgana aufbrechen, die sowohl eine Feier am Rande des Vulkans, ein danse macabre am Vorabend des Weltuntergangs, als auch das schemenhaft-verschwommene Trugbild einer vor Jahren vermutlich schon verloren gegangenen Tochter und Schwester ist. Die nun folgende Odyssee durch Staub, schlammige Flussläufe und über steinige Bergpisten und ausgedorrte endlose Ebenen, wird sie bis an den äussersten Rand ihrer Selbst(e) und immer tiefer in eine zunehmende Schwärze und Finsternis führen. In eine endlos scheinende Nacht der Seele. In einen lichtlosen Abgrund der eigenen Existenz, in eine leere Einöde der individuellen (Selbst-)Erfahrung. Eines der vielleicht schönsten Bilder des gesamten Kinojahres ist das von zwei die Dunkelheit der Nacht durchfahrenden Trucks, die immer tiefer und tiefer in das undurchdringliche Schwarz vorstoßen - ein Bild, das einzig und allein vom hell am Nachthimmel leuchtenden, einsam verlorenen Mond beschienen wird. Doch während die selbstgewählte, akzeptierende Ersatzfamilie der Raver:Innen auch Luis und Esteban für einen kurzen Moment so etwas wie innere Wärme, Hoffnung und Zuversicht schenken kann, so ist doch auch dieser schwache Lichtschimmer nicht von langer Dauer. Ab einem bestimmten Punkt erreicht der Film einen Grad von beklemmender Schwere und existentieller Beklemmung, dass Einer:Einem wortwörtlich Angst und Bange wird. Und macht dann einfach weiter. Ohne Gnade für oder Rücksicht auf auch nur eine einzige seiner Figuren, die hier den Einbruch des Realen in die herbei phantasierte Utopie am eigenen Körper erfahren, dass die Fleischfetzen nur so fliegen, und die untätige Hilflosigkeit nur so die Psyche zerfrisst. Da hilft dann nur noch Eines: die Boxen auf den ausgedörrten Wüstenboden stellen, halluzinogengetränkten Sud schlürfen, und die Musik lauter, IMMER LAUTER zu drehen (das vermutlich beste Sound Design des ganzen Kinojahres - mehr dazu siehe hier). „Lass es krachen!“ schreit die schwarzverhüllte, barfuß tanzende Jade. Und krachen, das tut es, als sich aus nicht ganz so heiterem Himmel dann das Unvorstellbare ereignet, und sowohl uns Zuschauer:Innen als auch die Filmfiguren trotz sengender Gluthitze eiskalt erwischt. Die Referenzen an Henri-Georges Clouzots „Le salaire de la peur“, Sechziger Jahre-Western und auch George Millers „Mad Max“-Filme werden allerspätestens hier überdeutlich. Können aber die ungeheure Wucht, und explosive Prägnanz von Laxes fieberträumerischer, und doch so kristallklarer Vision nicht verstellen, oder vorstellbar machen, solange man ihrer nicht selbst ansichtig wurde, und sie ebenfalls - analog zu den Protagonist:Innen - am eigenen Leib erfahren hat. „Sirāt“ ist Film als Grenzerfahrung, ist Lichtspiel als Ausnahmezustand, ist Kino, wie es transgressiver nicht sein könnte. Von einer beinahe schon übergriffigen Intensität, von einer kaum auszuhaltenden Unmittelbarkeit. Von einer radikalen Schonungslosigkeit, die ihresgleichen sucht. Nicht nur in diesem Kinojahr, sondern wohl auch im Kino als solches. Und dann, wenn der Film in seinen letzten Minuten sein eigentliches Anliegen endlich vollständig enthüllt, und sichtbar macht, wenn wir, ans Ende gekommen, nicht nur ans Ende der Musik, oder der Hauptfiguren, der Welt gar, sondern auch der Menschheit, der Menschlichkeit, endlich verstehen, was „Sirāt“ uns die ganze Zeit lang sagen und zeigen wollte, was die gesamte Dauer des Films über verschleiert schien, obwohl es doch so offen vor unser aller Augen sich präsentierte (in meiner Wahrnehmung zeigt der Film exemplarisch am Schicksal der beiden Suchenden und der Raver:Innen die bittere, unerträglich lebensgefährliche und von diesen wohl alltäglich erfahrene Realität von Migrant:Innen auf deren Flucht- und Weg-Routen von ihren Heimat- und Herkunftsländern weg, hin zu einer vermeintlich besseren Existenz in der fortress europe), und nun ganz und gar „wahr“ geworden ist, wenn der Film uns in seinen letzten Bildern dazu zwingt, das ganze zuvor Gesehene noch einmal in einem neuen, völlig anderen Licht zu betrachten, dann ist es schon viel zu spät, für uns selbst, die wir mitten ins Herz getroffen werden, und für die Charaktere auch. So, wie es vielleicht, vermutlich, lange schon zu spät war (wie es eine:r der Raver:Innen so trefflich formuliert).
Und sind auch wir endlich angekommen, in dieser Wüste des Realen.
Die wir eigentlich doch immer schon bevölkerten.