„I hope they serve some damn fine coffee in heaven…“
„Dick Laurent is dead!“ - Zum Tod von David Lynch
„The beginning is a very delicate time…“
Aus dem Dunkel kommt Alles, ins Dunkel geht Alles…
Zu erst waren da Sterne, ein diamanten funkelndes Meer von Sternen, vor einem schwarzblau-samtenen Hintergrund.
Und dann, nur einen Sekundenbruchteil später, ein grünlich-grünbraunes Augenpaar, das uns im Gesicht einer jungen Frau aus der Leinwand heraus anblickte.
Und auch, wenn sie nicht die Worte sprach: „Es werde Licht!“, so wussten wir in jenem Moment doch untrüglich, dass hier gerade eine Welt, ach was, ein ganzes Universum erschaffen wurde. Aus nichts Anderem, als aus Licht.
Licht im beinahe nachtschwarzen Dunkel eines Kinosaals, das auf eine weiße Leinwand geworfen wurde.
Und, hellwach wie wir waren, begannen wir mit offenen Augen zu träumen.
Von weit entfernten Welten, von galaktischen Adelshäusern, die einen unerbittlichen Krieg um die Vorherrschaft im bekannten Universum ausfochten. Von einer Droge, die das Leben alljener, welche sie konsumierten, verlängerte, ihre Augen blau färbte, und bei Überkonsum ihre Körper auf groteske Art und Weise verformte, sie zu wasserköpfig-gigantischen Larven mutieren liess, die nur noch in mit orangefarbenem Gas gefüllten Tanks existieren konnten.
Vom einem staubig-trockenen Planeten, der nur aus Sand und Felsen bestand, auf dem gigantische, hunderte von Metern lange Würmer lebten. Und ein Wüstenvolk, welches das Schicksal der Menschheit für immer verändern sollte.
„Dune“ war der erste Film von David Lynch, den ich im Winter 1984 sah.
Er zeigte uns eine bizarr-grausame Welt voller Schönheit und Schrecken, in der widerlich entstellte, bis kurz vor dem Platzen adipöse, sadistisch-menschenmeuchelnde Päderasten finstere Pläne ausheckten, um ihre Konkurrenten auszulöschen, eine jahrtausendealte manipulative Schwesternschaft hinter den Kulissen die Geschicke des Universums lenkte, und die Revolte eines zäh-abgehärteten Beduinenvolkes einem Übermenschen mit fast gottgleichen Kräften zum Aufstieg als Diktator, der einen Heiligen Krieg über die Galaxis hereinbrechen lässt, verhelfen sollte.
Und auch, wenn Lynch selbst sich nur wenige Jahre später von dem Film distanzieren sollte, ob der verhedderten Narration und durch unzählige Schnitte bis zur Unkenntlichkeit entstellten, von über drei auf knappe zwei Stunden verkürzten Kinofassung, und er auch in meiner persönlichen Rangliste seiner Filme mit Abstand ganz weit unten steht - „Dune“ hatte oft genug beinahe magische, ätherisch-sakrale Momente, und eine barockhaft-sinnliche Bildsprache, einen synästhetisch-superstitionalen Surrealismus, welcher der doch eher nüchtern-analytischen Neuverfilmung von Denis Villeneuve bedauerlicher Weise fast vollständig abgeht.
„Dune“ war der erste Film, den ich von David Lynch sah, aber er sollte nicht der letzte bleiben.
„Some men change. They reveal themselves over time, you know?“
Ich erinnere mich noch gut an das Kino irgendwo mitten in London, in dem ich Anfang April 2007, wenige Wochen vor dem deutschen Kinostart, Platz nahm, um mir Lynchs nunmehr also doch letzten Spielfilm „Inland Empire“ anzusehen. Ein relativ kleiner Kinosaal, mit blau-violetter Beleuchtung (so perfekt passend für einen Lynch-Film). Und ich erinnere mich auch noch allzugut, wie ich, nachdem der Film dann drei Stunden später vorbei war, mich seltsam benebelt und betäubt aus dem Kinosessel erhob, und mühsam den Weg nach draussen, in die Alltags-Realität antrat. So, als wäre ich aus einem langen, seltsam-beunruhigenden Traum erwacht, und müsste mir erst den Schlaf aus den Augen wischen, und mich für einen kurzen Moment erst wieder an die Wirklichkeit gewöhnen, mein (Er-)Leben neu justieren.
Aber letztlich, was sind Filme (zumal David Lynch-Filme) schon Anderes, als Bewegtbild gewordene Träume, gewisperte Nachrichten aus dem halb vergessenen, halb verschütteten Unterbewussten, oft genug auch Unbewussten? Etwas, das weniger dem Erklären, als dem Nachfühlen, weniger dem Verstehen, sondern dem Verbinden bedarf? Dem Integrieren des Nicht-Ausdeutbaren, was aber dennoch untrennbar zu uns selbst gehört, in das Sag- und Benennbare, des Surrealen in das Reale? Das Gewahrwerden unserer Träume, Sehnsüchte, Ängste, Bedürfnisse, Süchte? Eine Schicht unserer Selbst, die unterhalb des Sichtbaren liegt, die wir oft genug vor uns selbst verbergen, die wir vielleicht lieber verdrängen, oder von uns selbst abspalten wollen? Etwas, das im Laufe unseres Lebens ins Dunkel des Unterbewussten gegangen, aber immer noch da ist. In den Schatten lauernd, wartend in der Finsternis.
David Lynch hat in und mit seinen Filmen beständig daran gearbeitet, uns diese dunklen Seiten unserer Selbst(e) wieder bewusst zu machen. Was da ins Dunkel ging, was da aus dem Dunkel kam, verängstigte und verstörte uns oft genug zutiefst, wenn wir seiner (wieder) gewahr wurden. Wir konnten es uns oftmals gar nicht erklären, warum, wir konnten dem aber doch nachspüren, wenn wir mutig genug waren, uns damit zu konfrontieren. Voyeurismus, Kastration, Vatermord, die Tötung der eigenen Ehefrau aus Eifersucht und Versagensängsten / Impotenz, die Aufspaltung der Geliebten in Heilige und Hure, das Inzest-Trauma, verübt durch den eigenen Vater, die Sehnsucht nach dem Starruhm, der bedingungslosen Anerkennung, das Streben nach der Wiedervereinigung mit der lange verstorbenen Mutter, das Überfordertsein mit den unstillbaren Ansprüchen des eigenen Kindes, das Ineinanderaufgehen von gedrehtem Film und intrinsischer Wirklichkeit - Lynch fand ein ums andere Mal beunruhigend-vergeunwissernde Bilder für die Auswüchse unserer sublimierten Wünsche, unserer so sorgfältig vor Anderen und uns selbst versteckten Begierden. All das, was wir so angestrengt zu vergessen suchten, suchte uns in Lynchville umso stärker wieder auf, ja, heim. Lampen, die im Halbdunkel urplötzlich aufflackerten, Schatten, die schlagartig Gesichter, oft genug eher verzerrte Fratzen, preisgaben, ein unheimliches Summen und Dröhnen, ein Verschwinden der Personen und Figuren in räumlichen Ecken, in schwammig-unscharfen Finsternissen, Charaktere, die auf einmal nicht mehr da waren, und an ihrer Stelle jemand ganz Andere:r sich befand. Im Lynchschen Kosmos war nichts, wie anderswo. Genau wie unserem ureigensten Inneren auch.
„In heaven, everything is fine…“
John Merrick, der „Elefantenmensch“, der nur ein einziges Mal in seinem Leben schlafen möchte, wie alle Anderen auch, selbst, wenn er weiss, dass ihn das umbringen wird. Er legt sich nieder, auf den Rücken, schliesst die Augen, und beginnt von seiner Mutter, die bei / unmittelbar nach seiner Geburt starb, zu träumen. Lynch taucht all das in ein wunderbar ausgewogenes Schwarzweiss, so als würde übertriebene Farbigkeit die Intimität des Plots und das anrührend Humane der Geschichte besudeln, ja, verletzen. Die Sehnsucht nach der Dyadischen Geborgenheit, nach einem Zustand völligen Aufgehobenseins, nach einem Ort, an dem Alles gut ist. Die Kamera fährt ganz nah an das imaginierte Antlitz der Mutter heran, die eins zu sein scheint mit der Sonne, während Sterne durch sie hindurch zu erstrahlen beginnen. Und dann, bevor der Film endet, ist die Leinwand für einen kurzen Moment in strahlendes Weiß getaucht, löst sich Alles in einer gleißenden Helligkeit auf.
In seinem sehr empfehlenswerten Buch „The Impossible David Lynch“ argumentiert Todd McGowan, dass das Auflösen des Bildes in reines Weiß bei Lynch die Versinnbildlichung des Unmöglichen bezeichnet - die Darstellung dessen, was real nicht zu verwirklichen, und dementsprechend auch nicht darzustellen ist. Das Weiß der Leinwand repräsentiert hier also den Ort, an dem der tiefste, innerste Wunsch der Charaktere in Erfüllung gehen soll - aber nicht kann. Denn so sehr auch „in heaven everything is fine“ sein mag, hier, im weltlich-realen Leben, ist es das eben nicht. Es gibt schlichtweg keinen Ort und / oder Zustand, an dem und in dem Alles gut wäre. Was nicht heissen soll, dass dieser darum nicht doch existieren würde. Doch tut er dies eben nur auf der Ebene des Imaginierten, Unerreichbaren, als absolut gesetzte Phantasmagorie. Allein am Ende eines Traums ist dieser Ort in scheinbar greifbarer Nähe. Kurz, bevor sich Alles in ein strahlendes, gleissendes Licht zersetzt, und wir erwachen.
Lynch weiss um diese Vergeblichkeit des Begehrens, weigert sich aber, sie in seinem Werk vollständig aufzugeben. Stattdessen wird dessen Erfüllung an einen seltsamen Ort verschoben, der zugleich unmöglich ist, und doch da zu sein scheint. Wenn auch nur für einen kurzen Moment, als reines, weisses Licht, auf einer weißen Leinwand. Alles Andere, was davor kommt, sind Schatten, ist Verdrängen, Vergessen, und ewige Wiederkehr. Wenn wir diesen Punkt der Verwirklichung unserer innersten Sehnsucht erreicht haben, hören wir auf zu existieren. Dann enden alle unsere Träume, weil sie endlich wahr geworden sind. Alles was bleibt, ist eine weisse Leinwand.
Stumm darauf wartend, sich erneut mit den Abbildern unserer Träume und Alpträume zu füllen.
„Dick Laurent is dead!“
Aus dem Dunkel kommt Alles, ins Dunkel geht Alles…
Zumal in einem David Lynch-Film.
„Dick Laurent is dead!“, so lautet die rätselhafte, zu diesem Handlungszeitpunkt noch nicht entzifferbare Botschaft zu Beginn von Lynchs Möbiusband-haftem Neo-Noir-Psychothriller „Lost Highway“. Erst ganz zum Ende des Films, das uns doch nur wieder an dessen Anfang zurückführt, werden wir wissen, dass Dick Laurent der abgespaltene Teil von Fred Madison, der seine eigene Frau ermordet und zerstückelt hat, ist, dem dieser die Schuld an der Tötung seiner Gattin zuschieben will. Für mich schien es nie ein Zufall zu sein, dass „Dick Laurent“ dieselben Initialen hat(te) wie „David Lynch“. Ob und wenn ja, was das bedeuten mag? Wer weiss… In Lynchville ist Verstehen ja ohnehin nachrangig, wie wir wissen.
Im weiteren Verlauf der Handlung geht Bill Pullmans Charakter Fred Madison eines Nachts in eine zwischen zwei Wänden (von David Lynchs eigenem Haus) ihn verschluckende Dunkelheit. Am nächsten Tag findet er ein VHS-tape mit höchst verstörendem Inhalt in seinem Briefkasten.
Lynch selbst ist am heutigen Donnerstag von uns, und in diese Dunkelheit gegangen, aus der er nicht wieder zurückkehren wird.
Doch nach VHS-tapes oder anderen Medienträgern mit verstörenden und beunruhigenden Inhalten brauchen wir in unseren Briefkästen nicht zu suchen.
Die hat er uns vorher schon hinterlassen.
Mit David Lynch ist vielleicht der allerletzte wirkliche Surrealist des Kinos von uns gegangen. Einer, der wusste, dass Erklären, oder Verstehen, nicht das sind, was das Kino zuvorderst und am Besten zu leisten imstande ist. Einer, dem nicht daran gelegen war, sein Publikum zu spoon-feeden. Einer, der, wohl weil aus der bildenden Kust kommend, vielleicht wie wenige Andere vor oder nach ihm, die Kino-Leinwand wie eine Bilder-Leinwand begriffen hat. Einer, der die Schönheit der Welt, genauso wie den ihr inhärenten Schrecken, ohne falsche Scheu oder im Gedanken an die Reaktionen des Publikums abzubilden wusste, der es verstand, dass das Eine ohne das Andere nicht sein konnte, keinen Sinn machen würde. Einer, dem es nicht unbedingt darum ging, zu zeigen, was ohnehin Alle sehen können, sondern das sichtbar und erfahrbar zu machen, was in uns schlummert. Nicht um es zu verstehen, sondern um es bewusst werden zu lassen. Trotz aller Erfahrung, trotz allen Wissens, schläft da etwas tief in uns. Etwas, das nur selten erwacht.
„The sleeper must awaken!“, heisst es in „Dune“
Lynch hat es erwachen lassen, in uns, und für uns.
Das Leben ist letztlich nur ein kurzer Schlaf am Strand der Ewigkeit.
Und wenn wir erwachen, ist Alles, was bleibt, die Erinnerung an die Träume, die wir einst träumten.
Wo immer David Lynch jetzt sein mag, ich hoffe, wenn er erwacht, dass er sich auch an schöne Träume erinnern wird.
Rest in peace.

