Außerdem sehenswert:
GATILLERO
Eine argentinische No-ChiChi-Version von BUYBUST, die in manchen Kritiken als „ein härterer JOHN WICK“ bezeichnet wird. Das führt m.E. aber ziemlich in die Irre, denn hier ist gar nichts Hochglanz oder SFX-lastig: Der Film ist extrem auf Authentizität gebürstet, schmutzig, roh. Helden gibt’s hier auch keine. Inhaltlich geht’s um den verzweifelten Versuch der Bewohner eines heruntergekommenen Viertels von Buenos Aires, sich gegen die Narcos zu wehren, die hier alles unter Kontrolle haben und von korrupten Cops geschützt werden. Inszeniert ist das Ganze als One-Shot. Extrem energiegeladen; die Laufzeit vergeht wie im Flug. 7/10 Punkten
U ARE THE UNIVERSE
Der ist ja nun schon etwas älter, darum kennen ihn manche bestimmt auch schon. Ein so intelligenter wie herzzerreißender Sci-Fi-Film aus der Ukraine, der wie nebenbei mehr über die moralischen Fragen unserer Zukunft mit der KI zu sagen hat als der furchtbar platte, eindimensionale Cannes-Beitrag und Eröffnungsfilm des Festivals, der französisch-belgische DALLOWAY aka THE RESIDENCE mit Cécile de France und Mylène Farmer.
Andriy, ein intergalaktischer „Müllwagenfahrer“, der radioaktiven Abfall von der Erde zu einem Jupiter-Mond transportiert, findet sich auf seiner Rückreise plötzlich als letzter Mensch im Universum wieder, als unser Planet infolge eines nuklearen Krieges explodiert. Mit ausreichend Vorräten für noch etwa 16 Monate ausgestattet, gelingt es ihm sogar, seine hoffnungslose Einsamkeit halbwegs zu genießen, unterstützt von der „sentient AI“ seines Raumschiffs: einer sprachfähigen, mit Armen ausgestatteten, semi-beweglichen Vorrichtung an der Decke, welche den Input des Bordcomputers sozusagen körperlich umsetzt. Etwa beim Schachspielen gegen unseren Protagonisten. Noch häufiger aber beim Erzählen grandios schlechter Witze. Was bereits verdeutlichen sollte, dass U ARE THE UNIVERSE zwar finstere Themen umkreist, dabei aber stets auch eine gewisse Leichtigkeit an den Tag legt. Was es deutlich leichter macht, ins Szenario einzutauchen, als es etwa bei einem GRAVITY (oder überhaupt den meisten Sci-Fi-Filmen) der Fall ist.
Eines Tages teilt die KI dann aus heiterem Himmel Andriy mit, dass er eine E-Mail erhalten hat. Von einer jungen Wissenschaftlerin, die am anderen Ende unserer Galaxie in einer Raumstation überlebt hat. Bald stellt sich Andriy die Frage, ob er sich mit seinem beschädigten Schiff auf die ziemlich ausweglose Reise zu ihr machen soll. In der Hoffnung, noch ein einziges Mal menschliche Nähe spüren zu dürfen. Die KI hält das allerdings für keine gute Idee. Und macht das erschreckend realistisch deutlich.
Ein außerordentlich bewegendes Stück Weltraum-Melancholie, nein, -Philosophie, gespickt mit einer kleinen bösen HAL-9000-Hommage und Reverenzen auch an SOLARIS: wunderschön, 7,5 von 10 Punkten.
Außerdem gesehen:
DALLOWAY, siehe oben. Meh. 5/10
BABY ASSASSINS: NICE DAYS - bereits der dritte Teil der japanischen Gen-Z-Auftragskillerinnen-Farce. Deutlich gereift, wie auch seine Protagonistinnen. Wohl der bislang stärkste Teil der Reihe - 7/10
TOUCH ME - ultra-low-budget, queeres Indie-Sci-Fi-Kino, das auf der Haben-Seite ein Tentakel-Alien und ein paar (wenige) herbe Splatter-Szenen verbuchen kann, aber äußerst geschwätzig daherkommt. Subtext: Missbrauch, Co-Dependency, Sex als Waffe. 6/10
THE THING WITH FEATHERS
Verfilmung des Bestsellers „Grief is the Thing with Feathers“ mit dem grundsätzlich sehr geschätzten und auch hier groß aufspielenden Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle. Hatte seine Premiere bei der Berlinale und ist dort auch am besten aufgehoben: eine bis zum Finale äußerst zähe, nur selten wirklich berührende Arthouse-Version von THE BABADOOK. 5,5/10
A USEFUL GHOST - ein einzigartiger Fantasy-Film aus Thailand, der eigentlich eine ausführliche Besprechung verdient, aber dafür bin ich inzwischen zu müde. Vielleicht in der nächsten Ausgabe der Deadline
Was zunächst wie eine skurrile kleine Komödie anmutet, die vor allem anfangs sogar einige typisch asiatische brachial-humoristische Szenen einbaut (in denen etwa jemand Sex mit einem Staubsauger hat), entwickelt sich bei fortschreitender Laufzeit immer mehr zu einem Drama mit bitteren Untertönen - und schließlich zu einem hochpolitischen Film, der die korrupte Elite Thailands anklagt. Unbedingt sehenswert! 7,5/10